Die Londoner Sinfonien (1791-1795)
► Die Finalsätze

Die Schlußsätze der Londoner Sinfonien stehen einander in ihrer Ausdruckshaltung und ihrem Charakter sehr nahe: alle haben sie jenen heiter-übermütigen, zuweilen humorvollen Kehrauscharakter, der den Hörer des sinfonischen Zyklus nach den emotionalen und intellektuellen Anforderungen der vorhergehenden Sätze freundlich entläßt, ohne im kompositorischen Niveau jemals ins allzu Einfache und Simple zu verfallen. Für diesen ihren Charakter steht stets ein locker-eingängiges, oft an volksmusikalischen Vorbildern orientiertes Thema in klarer Periodik, das sich dem Hörer sofort unverlierbar einprägt und in dem sich gleichsam die Essenz des gesamten Satzes konzentriert. Keiner dieser Sätze ist harmlos und unbedeutend; stets hält er, trotz seiner ganz anderen inhaltlichen Ausrichtung, die Balance zum Kopfsatz der Sinfonie. Gerade in diesen Finalsätzen zeigt sich Haydns große Meisterschaft, äußerste Prägnanz, Eingängigkeit und Einfachheit der Themenbildung mit hoher Kunst der Verarbeitung zu verbinden. Und schließlich sind sie es auch, in denen sich in manchen Details sein vielgerühmter Humor in verblüffenden Überraschungen und plötzlichen Umbiegungen des Verlaufs immer wieder neu kundtut.

Nb 8.9: Sinfonie 96, Finale
a) Ritornellthema
Sinfonie 96, Finale, Ritornellthema
b) T. 48-60
Sinfonie 96, Finale, T. 48-60

Nur zwei Sätze – die Finale der Sinfonien 96 und 97 - zeigen klar die auf dem Reihungsprinzip beruhende Rondostruktur: mit einem zweimal wiederkehrenden Ritornellthema, das in beiden Sinfonien bei seinem zweiten Auftreten auf einen Achttakter verkürzt ist, sonst aber völlig unverändert bleibt, und den zwischen diesen Auftritten des Themas stehenden “Episoden”, die – so entspräche es dem Grundprinzip des Rondos - grundsätzlich anderes, nicht aus dem Thema abgeleitetes motivisches Material verarbeiten. In beiden Sinfonien zeigt freilich ein Blick auf diese Episoden, dass die Durchführungstechniken der Sonatenform nun auch in die Rondoform eingedrungen sind, denn in ihnen werden, dem Rondoprinzip eigentlich widersprechend, Motive verarbeitet, die aus dem Thema herausgelöst sind und in intensiver thematischer Arbeit weiterentwickelt werden. Besonders eindringlich geschieht dies in der ersten Episode des Finales der Sinfonie 96 (T. 48 ff.), die nach der Varianttonart d-Moll ausweicht, worauf durch die Überschrift “Minore” in der Partitur ausdrücklich hingewiesen ist.

In Sinfonie 97 entfaltet sich in der ersten Episode sogar ein kurzes Fugato, dessen Thema aus dem Ende des Ritornellthemas auf sehr phantasievolle Weise abgeleitet ist.

Die Mehrzahl der Sinfonien hat jedoch ein Finale, das nicht nur einzelne sonatische Elemente wie insbesondere die motivisch-thematische Arbeit, in die Rondoform einfügt, sondern die beiden Formprinzipien der Sonate und des Rondos so stark miteinander verschmilzt, dass sich dafür der Begriff ”Sonatenrondo” eingebürgert hat [39]. Am sinnfälligsten geschieht die Annäherung der Rondoform an die der Sonate dadurch, dass die erste Episode den Charakter eines Seitenthemas in der Dominante erhält und als letzte Episode vor dem Schluss nochmals in der Grundtonart erscheint. In dieser Zwitterform aus zwei sich nach ihrer Herkunft und vom Verständnis der Zeitgenossen her eigentlich diametral gegenüberstehenden formalen Prinzipien darf man den endlich erreichten Endpunkt in der langen Entwicklungsreihe des Haydnschen Finales sehen: nun hatte Haydn für den Schlußsatz ein Aufbaupinzip gefunden, das großen Spielraum für individuelle Gestaltungsfreiheit bot. Deshalb sind die Resultate dieses Verschmelzungsprozesses der beiden Formprinzipien im einzelnen äußerst vielgestaltig und keinesfalls generell auf eine einfache Formel zu bringen.


Anmerkungen

[39] Sinfonien 93, 94, 99, 100, 101, 102, 103.