Die Londoner Sinfonien (1791-1795)
► Die langsamen Sätze

Die Variation, deren stetiges Vordringen als Aufbauprinzip der langsamen Sätze seit den Pariser Sinfonien zu beobachten war, gewinnt in den Londoner Sinfonien weiter an Boden: sechs der zwölf einschlägigen Sätze sind eindeutig als Zyklus eines Themas mit in der Regel drei Variationen und einer abschließenden Coda zu bestimmen [30], zwei erweisen sich als sehr freie Modifikationen des Variationsprinzips [31]. Dabei verfügt Haydn nun souverän über die unterschiedlichsten Möglichkeiten der Variationstechnik, und auch die Gestalt der Themen selbst ist von großer Vielfalt: sie reicht von dem fast provokant einfachen, beinahe kinderliedartigen, völlig auf die Grunddreiklänge beschränkten Thema der sog. “Paukenschlagsinfonie” (Nr. 94) über schlicht-liedhafte Themen (Sinfonien 95, 101, 103) bis zu sehr differenzierten, aus der mehrfachen Umbildung eines einzigen Motivs entwickelten Gebilden (Sinfonien 93, 97, ).

Nb 8.6: Variationsthemen (Auswahl)
Sinfonie 93, Variationsthema
Sinfonie 94, Variationsthema
Sinfonie 95, Variationsthema
Sinfonie 97, Variationsthema

Drei der langsamen Sätze haben die in der Frühzeit übliche verkürzte Sonatenhauptsatzform oder nähern sich ihr zumindest. Sehr deutlich zeigt sich dies bei dem Adagio der Sinfonie 99: es hat ein klar kontrastierendes Seitenthema (T. 27 ff.), eine Durchführung, die fast ausschließlich dieses verarbeitet und eine klar abgesetzte Reprise. Weniger offensichtlich ist die Orientierung an der Sonatenform bei den Sinfonien 96 und 98, für deren komplizierten formalen Aufbau der Begriff “sinfonischer Entwicklungssatz” vorgeschlagen wurde [32].

Zwei langsame Sätze gehen auf andere Werke Haydns zurück. Das Adagio der Sinfonie 102, das fast durchgängig von einer akkordischen Figuration in Sechzehntel-Triolen durchzogen wird, die über große Strecken einem Solo-Violoncell anvertraut ist, entspricht weitgehend einem Satz aus dem wahrscheinlich etwa zur gleichen Zeit wie die Sinfonie entstandenen Klaviertrio fis-Moll (Hob. XV:24) [33]. Der sehr merkwürdige, in F-Dur stehende Satz zeigt eine Reihungsform, die als freie Variationsfolge angesehen werden kann: das Thema erscheint viermal: zunächst zweimal in nahezu identischer Gestalt, danach – gleichsam anstelle einer Minore-Variation – versetzt nach As-Dur und abschließend wieder in der Grundtonart. Diese beiden letzten Auftritte des Themas weichen stärker von den ersteren ab, doch bleibt der Kopf des Themas (Takte 1-4) jedesmal annähernd unverändert. Kurz vor dem Schluß des Satzes überrascht im Fortissimo eine unvermittelte trugschlüssige Wendung nach der Untermediante Des-Dur (T. 54).

Den langsamen Satz der sog. “Militärsinfonie” (Nr. 100) entnahm Haydn ohne wesentliche Veränderungen seinem Konzert für Lira organizzata G-Dur (Hob. VIIh:3); ihm liegt das französisches Lied “La gentille et jeune Lisette” zugrunde, das schon in der Sinfonie 85 als Variationsthema gedient hatte. Diese Liedmelodie wird jetzt freilich sehr viel freier als in dem früheren Werk verarbeitet. Am Schluß ist eine 35 Takte umfassende, von einem Trompetensignal eröffnete Coda angefügt, in der das in dieser Sinfonie zusätzlich zum normalen Instrumentarium verwendete Schlagwerk reich in Erscheinung tritt.


Anmerkungen

[30] Sinfonien 93, 94, 95, 97, 101, 103 (Doppelvariation).

[31] Sinfonien 100, 104.

[32] H. J. Therstappen, Joseph Haydns sinfonisches Vermächtnis, Wolfenbüttel 1941, S. 160 ff.: “Hier (in Sinfonie 98) wird – in unverkennbarem Gegensatz zur vorher herrschenden Liedformung, deren Dreiteiligkeit formale Rundung und Geschlossenheit erzielt – das Walten eines Entwicklungsgedankens deutlich, der folgerichtig zu sonatenhafter Anlage der Form gelangt.“

[33] Die Frage, welcher der beiden Sätze der ursprüngliche ist, wird von der Forschung unterschiedlich beantwortet; vgl. dazu und zum Verhältnis beider Sätze: Friedhelm Krummacher: Klaviertrio und sinfonischer Satz. Zum Adagio aus Haydns Sinfonie Nr. 102. In: Quaestiones in musica. Festschrift für Franz Krautwurst, Tutzing 1989, S. 325-335.