Die Londoner Sinfonien (1791-1795)
► Einführung

Mit den zwölf Londoner Sinfonien erreichte Joseph Haydns sinfonisches Schaffen seinen absoluten Höhepunkt und zugleich seinen Abschluß. Es waren glückliche Fügungen der Musikgeschichte, dass mit dem Tode des Fürsten Nikolaus Esterhazy am 28. September 1790 Haydns enge Bindung an den Hof nach beinahe 30 Jahren gelockert [1] wurde und dass schon Anfang Dezember des gleichen Jahres, unmittelbar nach Haydns Übersiedelung nach Wien, der Londoner Geiger und Konzertunternehmer Johann Peter Salomon [2] dort eintraf und den Meister für seine nächste Konzertsaison zur Aufführung von sechs Sinfonien, einer Oper [3] und einiger anderer Werke unter seiner eigenen Leitung verpflichtete [4]. Offenbar bedurfte es von Seiten Salomons keiner großen Überredungskunst, Haydn zur Annahme dieses auch finanziell sehr lukrativen Angebots zu bewegen. Wie einige Jahre zuvor mit dem Pariser Kompositionsauftrag bot sich ihm hier noch einmal die Möglichkeit, seine Kunst in einem der großen europäischen Musikzentren, in dem viele seiner Sinfonien schon lange bekannt und beliebt waren, einem aufgeschlossenen, vorwiegend bürgerlichen Publikum zu präsentieren und sich - anders als seinerzeit bei den Pariser Sinfonien - von ihrer Wirkung unmittelbar selbst zu überzeugen. So reiste er schon am 15. Dezember 1790 zusammen mit Salomon über München, den Oettingen-Wallersteinschen Hof [5] und Bonn, wo ihm, vielleicht durch Salomon vermittelt, Ludwig van Beethoven als junges, vielversprechendes Talent vorgestellt wurde [6], nach Calais. Nach einer stürmischen Überfahrt kamen beide am Neujahrstag 1791 in London an. Schon am 11. März wurde die erste Serie der Salomon-Konzerte am Hannover-Square mit einem bejubelten Konzert eröffnet. Fünf weitere reguläre Konzerte und ein zusätzliches folgten bis zum Ende der Saison im Juni. Der große Erfolg bewog Haydn, eine weitere Saison in London zu bleiben und seinen Vertrag um ein Jahr zu verlängern. Für diese Saison hatte das mit Salomon konkurrierende Unternehmen der „Professional Concerts“ Haydns ehemaligen Schüler Ignaz Pleyel verpflichtet in der Absicht, es zu einem künstlerischen Wettkampf zwischen beiden kommen zu lassen. Indessen war Pleyel nicht gesonnen, sich als Rivale gegen seinen Lehrer missbrauchen zu lassen, und so tat seine Verpflichtung dem unvermindert großen Erfolg von Haydns Konzerten keinen Abbruch.

Am 22. Juni 1792 verließ Haydn London. Er reiste wieder über Bonn und traf in Frankfurt mit Fürst Anton Esterházy zusammen, der hier anläßlich der Kaiserkrönung Franz II. weilte. Am 24. Juli war er nach eineinhalbjähriger Abwesenheit wieder in Wien.

Nicht nur in künstlerischer, auch in persönlicher Hinsicht bedeutete der Aufenthalt in England für Haydn außerordentlich viel. Die große, weltoffene, von pulsierender Geschäftigkeit erfüllte Stadt, das rege gesellschaftliche Leben in ihr, das sich ihm bis in höchste aristokratische Kreise hinein öffnete, das ungewöhnlich vielfältige, auf hohem Niveau stehende Musikleben, vor allem aber die enthusiastische Anerkennung, die seine Musik hier fand: – dies alles bewirkte eine Weitung seines persönlichen Horizontes und eine Stärkung seines Selbstbewußtseins, die nicht ohne Wirkung auf sein Schaffen bleiben konnte. Nicht ohne Stolz wurde ihm hier in der englischen Metropole bewußt, dass aus dem Kapellmeister einer weltabgewandten österreichischen Residenz ein in der ganzen Musikwelt berühmter Meister geworden war. Denn als solcher wurde er von der musikalischen Öffentlichkeit gefeiert. Und die Promotion zum Dr. mus. durch die berühmte Universität Oxford im Juli 1791 bedeutete für ihn die denkbar höchste Auszeichnung, eine Nobilitierung, die sich der Wagnerssohn aus dem burgenländischen Rohrau zu Beginn seiner künstlerischen Laufbahn nicht in seinen kühnsten Träumen hätte vorstellen können.

Von größter Bedeutung für Haydns spätes kompositorisches Schaffen war auf dieser ersten Englandreise die Begegnung mit der in England noch immer ungemindert lebendigen Kunst Georg Friedrich Händels. Im Mai 1791 erlebte er in Westminster Abbey die letzte der mit einem gewaltigen Aufgebot an Mitwirkenden veranstalteten Händelfeiern („Handel Commemoration“). Er hörte, tief beeindruckt, die Oratorien „Israel in Ägypten“ und „Messias“, und das Erlebnis dieser Werke, vor allem ihrer machtvollen Chöre, hat tiefe Spuren in seinem Spätwerk hinterlassen: weder seine beiden Oratorien noch die sechs späten, für den Hof in Eisenstadt geschaffenen Messen sind ohne die Kenntnis der Händelschen Kunst denkbar.

Nach Wien zurückgekehrt, begann Haydn wohl sofort mit den Vorbereitungen zu seinem zweiten Englandaufenthalt. Er hatte sich gegenüber Salomon abermals zur Komposition von sechs Sinfonien verpflichtet, einige dieser Werke wurden noch in Wien in Angriff genommen. Am 19. Januar 1794 brach er dann abermals zu einer Reise nach London auf, diesmal begleitet von seinem langjährigen Kopisten und Adlatus Johann Elssler. Am 4. Februar trafen beide in London ein, kurz nach dem Beginn von Salomons neuer Saison. Wie beim ersten Aufenthalt in London wurden auch jetzt die neuen Sinfonien mit größter Begeisterung aufgenommen. Da sich Salomon zur Planung einer zweiten Saison nicht in der Lage sah – er fürchtete, wegen der kriegerischen Ereignisse auf dem Festland nicht genügend attraktive Solisten verpflichten zu können – schloss Haydn für die Saison des Jahres 1795 einen Vertrag mit der neugegründeten Gesellschaft der „Opera Concerts“ ab. Für sie schrieb er seine letzten drei Sinfonien.

Im Januar 1794, unmittelbar nach Haydns Abreise nach London, war in Eisenstadt nur vier Jahre nach seinem großen Vorgänger Fürst Anton gestorben. Noch im Sommer 1794 hatte dessen Nachfolger, Fürst Nikolaus II., Haydn um seine baldige Rückkehr gebeten, da er beabsichtigte, nach dem Vorbild seines Großvaters eine neue Kapelle aufzubauen. Unter Hinweis auf seinen englischen Verpflichtungen hatte Haydn einen Aufschub bis zum Ende der neuerlichen Saison für seine Rückkehr erwirkt. Trotz außerordentlich verlockender Angebote sogar vom Königshaus, in England zu bleiben, fühlte sich Haydn seinem Fürstenhaus doch so eng verbunden und verpflichtet, dass er nach Abschluß der Saison, wenn auch wahrscheinlich schweren Herzens, seine Abreise vorbereitete. Am 15. August 1795 verließ er England; er reiste über Hamburg, wo er der Tochter Carl Philipp Emanuel Bachs einen Besuch abstattete, und traf gegen Ende des Monats in Wien ein.

Die Londoner Sinfonien (1791-1795)
Erste Gruppe
Jahr Nr. Ton­art Titel/UA Beset­zung [7] I II III
Menuett
IV
1791 93 D 17.2.1792   Adagio/ Allegro assai Largo cantabile Allegretto Presto ma non troppo
  94 G Paukenschlag
23.3.1792
  Adagio cantabile/ Vivace assai Andante con moto Allegretto Vivace assai
  95 c   1 Fl. Allegro Moderato Andante can­tabile ohne Tempo­vorschrift Vivace
  96 D 11.3.1791   Adagio/ Allegro Andante Allegretto Vivace assai
1792 97 C 3./4.5.1792   Adagio/ Vivace Adagio ma non troppo Allegretto Presto assai
  98 B 2.3.1792 1 Fl. Cemb. Solo (4. Satz) Adagio/ Allegro Adagio cantabile Allegro Presto
Zweite Gruppe
Jahr Nr. Ton­art Titel/UA Beset­zung I II III
Menuett
IV
1793 99 Es 10.2.1794 2 Klar. Adagio/ Vivace assai Adagio Allegretto Vivace
1794 100 G Militärsinf.
31.3.1794
2 Klar (2.Satz) Triangel, Trom­mel, Becken (2. u. 4. Satz) Adagio/ Allegro Allegretto Moderato Presto
  101 D Die Uhr
3.3.1794
2 Klar. Adagio/ Presto Andante Allegretto Vivace
  102 B 2.2.1795   Largo/ Allegro vivace Adagio Allegro Presto
1795 103 Es Pauken­wirbel
2.3.1795
2 Klar. Adagio/ Allegro con spirito Andante ohne Tempo­vorschrift Allegro con spirito
  104 D Dudelsack (Salomon) 4.5.1795 2 Klar. Adagio/ Allegro Andante Allegro Spiritoso

Die zwölf Sinfonien, die in einem Zeitraum von ungefähr vier Jahren für die Konzerte in London entstanden, sind unstreitig der wichtigste und folgenreichste Ertrag dieses für Haydn so ungemein wichtigen Lebensabschnittes. Sie sind nicht nur krönender Abschluß seiner persönlichen Lebensleistung auf dem Gebiet der Sinfonie, sondern stellen auch in deren Geschichte, nach der Trias der drei letzten Sinfonien Mozarts, einen zweiten absoluten Höhepunkt dar. Alle Tendenzen, die sich in Haydns sinfonischem Schaffen über die Jahre hin ausgebildet hatten – die Ausweitung des formalen Grundrisses nicht weniger als die immer intensivere Durchdringung des Satzes mit thematischer Arbeit – finden in ihnen ihre zusammenfassende, letztgültige Erfüllung. Zugleich verwirklicht sich in ihnen aber auch jenes in der Zeit der Klassik immer wieder erstrebte musikästhetische Ideal: die Verbindung von größter Eingängigkeit, Prägnanz und Fasslichkeit des motivisch-thematischen Materials mit höchster Kunst der Verarbeitung. Was Haydn im Gespräch mit Leopold Mozart an der Musik von dessen großem Sohn rühmte – die Vereinigung von „Geschmack“ und „größter Kompositionswissenschaft“ [8] – das hat er selbst in seinen letzten zwölf Sinfonien verwirklicht. In ihnen erfüllte sich das Ideal einer Kunst, die bei allem Streben nach Eingängigkeit niemals ins Banale verfiel, sondern dem um die Gesetze der Kunst wissenden Kenner ebenso zu befriedigen vermochte, wie sie den schlichten Liebhaber der Musik erfreute und ergriff. Nicht zuletzt darin war der beispiellose Erfolg dieser Werke begründet.


Anmerkungen

[1] Haydn blieb zwar nominell „Fürstlich-Esterhazyscher Kapellmeister“, jedoch war dies ein Ehrentitel, mit dem, da die Kapelle von Nikolaus` Nachfolger Fürst Anton aufgelöst wurde, keinerlei konkrete Verpflichtungen verbunden waren. Seine Bezüge blieben ihm nicht nur in vollem Umfang erhalten, sondern wurden sogar noch beträchtlich erhöht.

[2] Salomon (1745-1815) entstammte einer Bonner Musikerfamilie, die in naher Beziehung zur Familie Beethoven stand. 1765 trat er als Geiger in den Dienst des Prinzen Heinrich von Preußen und blieb, zuletzt als Kapellmeister, bis 1780 in dieser Stellung. Danach ging er nach London, wo er sehr rasch als Geiger und Konzertunternehmer zu einer gewichtigen Persönlichkeit des Musikleben wurde. Schon während seiner Tätigkeit am Berliner Hofe engagierte er sich gegen den Widerstand der tonangebenden Berliner Komponisten Carl Heinrich Graun, Johann Joachim Quantz und Johann Philipp Kirnberger für die in Norddeutschland noch wenig bekannten und geschätzten Sinfonien Haydns.

[3] Haydns letzte Oper, „L’anima del filosofo“, der der Orpheus-Stoff zugrunde liegt, wurde im Mai 1791 beendet. Zu einer Aufführung in London kam es jedoch nicht, da der Opernunternehmer Gallini, für dessen Truppe das Werk bestimmt war, keine Genehmigung für die Aufführung einer italienischen Oper erhielt.

[4] Schon in den achtziger Jahren hatte sowohl die Konzertgesellschaft der „Professional Concerts“ als auch der Verleger Bland versucht, Haydn für eine Konzertreise nach London zu gewinnen, doch scheiterten diese Pläne wegen Haydns Verpflichtungen gegenüber seinem Fürsten, denen er sich nicht entziehen zu können glaubte (vgl. hierzu C. Roscoe, Haydn and London in the 1780‘s. Music & Letters, 1968, S. 203).

[5] Hier hörte er die Kapelle des Fürsten, für die er seine Sinfonien 90-92 geschaffen hatte, und sprach sich außerordentlich lobend über sie aus.

[6] Ob Beethoven schon bei diesem Zusammentreffen seine kurz vorher geschaffene „Kantate auf den Tod Josefs II.“ Haydn vorlegte oder erst bei jenem Frühstück, das die Mitglieder der Bonner Kapelle dem Meister im Juli 1792 bei seiner Rückreise in Godesberg gaben, ist unklar. Jedenfalls wurde wohl erst zu diesem zweiten Termin vereinbart, dass Beethoven nach Wien kommen und Haydns Schüler werden sollte.

[7] Die Normalbesetzung der Londoner Sinfonien ist: 2 Flöten, 2 Oboen, 2 Fagotte, 2 Hörner, 2 Trompeten, Pauken und Streicher. Angegeben sind in der Tabelle nur gelegentliche Abweichungen und Zusätze.

[8] Leopold Mozart teilte das Urteil Haydns in einem Brief vom 16. Februar 1785 aus Wien seiner Tochter in Salzburg mit (MOZART, Briefe und Aufzeichnungen – Gesamtausgabe, Kassel 1963, Bd. III, S. 373).