Zwischen Paris und London: die Sinfonien der Jahre 1787-1789
► Einzelne Sinfonien ► Sinfonie 92, G-Dur („Oxford“)

Adagio/Allegro spiritoso – Adagio – Menuetto Allegretto – Presto

Diese Sinfonie, für Paris komponiert und vielleicht anlässlich Haydns Promotion zum Dr. mus. im Juli 1791 in Oxford aufgeführt, ist die letzte Vorstufe zu den Londoner Sinfonien, ein Werk von großer Meisterschaft und hoher Komplexität der kompositorischen Durchformung [11].

Auf den engen Zusammenhang zwischen der Adagio-Einleitung des ersten Satzes und dessen Hauptthema wurde bereits im Zusammenhang mit der grundsätzlichen Erörterung der Beziehungen zwischen Einleitung und Hauptsatz hingewiesen. Der Kopf dieses Themas, ein lang gehaltener Ton und daran anschließend eine abfallende Sekundkette, ist sehr deutlich in der Einleitung vorgeprägt: im melodischen Abstieg der ersten Violine im Umfang einer Sexte, aber auch in dem der zweiten Violine, die im gleichen Intervall absinkt (Nb 7.2). Dieser Grundgedanke prägt auch ganz wesentlich den gesamten ersten Satz. Er bildet den viertaktigen Vordersatz des Themas, dem sofort ein in Motivik und Dynamik scharf kontrastierender Nachsatz folgt (vgl. Nb 7.1), der freilich in dem sofort nach Aufstellung des Themas einsetzenden Verarbeitungsprozess keine wesentliche Rolle spielt. Dieser konzentriert sich vielmehr ganz auf das einleitende Motiv, aus dem unter Weglassung des ersten Tones ein auch sonst bei Haydn häufig vorkommendes „Dreischlagmotiv“      aus vier gleichen oder in Sekunden auf- bzw. absteigenden Achteln extrahiert wird, das im weiteren Verlauf eine große Rolle spielt, (z. B. T. 61 ff.). Erst ganz am Schluss der Exposition (T. 72 ff.) erscheint das sehr einfache, fast burlesk anmutende Seitenthema: auch dieses vielleicht aus dem Dreischlagmotiv - das dritte Achtel umspielt – ableitbar und möglicherweise eine Brücke schlagend zum ersten Takt der Einleitung.

Nb 7.13: Sinfonie 92, 1. Satz, T. 72-79 (Seitenthema)
Sinfonie 92, 1. Satz, T. 72-79 (Seitenthema)

Die verhältnismäßig kurze Durchführung – ihre Länge beträgt, an den Taktzahlen gemessen, nur 18 Prozent des gesamten Satzes – zitiert zunächst zweimal auf verschiedener Tonhöhe und in unterschiedlicher Dynamik – zuerst Forte, dann Piano – das zweitaktige Motiv, aus dem das Seitenthema gebildet ist, und leitet dann mit einem kurzen Holzbläsersatz zu einem ungemein dichten und intensiven Verarbeitungsprozess über, in dem das Doppelschlagmotiv des Seitenthemas (T. 95 in den Bratschen und Bässen), das Kopfmotiv des Hauptthemas und das davon abgeleitete „Dreischlagmotiv“ in vielfältigen Kombinationen auf engstem Raum miteinander konfrontiert werden. Der Streichersatz dieser Stelle bietet ein Partiturbild von einer Komplexität, die im bisherigen Schaffen Haydns beispiellos ist

Nb 7.14: Sinfonie 92, 1. Satz, T. 95-108
Sinfonie 92, 1. Satz, T. 95-108

Die erheblich erweiterte Reprise (ab T. 125) kompensiert die Kürze der Durchführung durch nochmalige durchführungsartige Verarbeitung des thematischen Materials, und selbst in der erstmals im ersten Satz einer Sinfonie Haydns vorkommenden ungewöhnlich langen Coda – sie umfasst 28 Takte – ist der thematische Verarbeitungsprozess noch immer nicht völlig zur Ruhe gekommen: insbesondere das „Dreischlagmotiv“ und das Seitenthema werden nochmals in ihn hineingezogen.

Dem langsamen Satz, einem Adagio, liegt eine edle, ausdrucksvolle Melodie als Variationsthema zugrunde:

Nb 7.15: Sinfonie 92, 2. Satz, T. 1-8
Sinfonie 92, 2. Satz, T. 1-8

Sie wird nur wenig verändert, meist lediglich von den Holzbläsern auf verschiedene Weise umspielt. Eine Ausnahme bildet die fast genau in der Mitte des Satzes mit energisch sich aufreckenden kompakten Akkorden bedrohlich einbrechende Mollvariation (d-Moll), die kaum Gemeinsamkeiten mit dem Thema erkennen lässt. Sie bringt ein Moment verhaltener Erregung in den sonst so ruhigen Satz. Freilich klingt die anfängliche Erregung bald ab, und schon der Mittelteil dieser Variation kehrt zu milderen Klängen zurück.

Auch das Menuett, formal wie in Haydns Spätzeit üblich an der Sonatenhauptsatzform orientiert, zeigt einige Besonderheiten, die auf eine gewisse Beunruhigung hinweisen: schroffe dynamische Gegensätze, einen plötzlichen Abbruch und eine daran anschließende Generalpause von zwei Takten zu Beginn des zweiten Teils, Synkopenketten im Trio, deren Wirkung durch Sforzati in beinahe Beethovenscher Manier zusätzlich in ihrer Wirkung gesteigert werden.

Wie die Sinfonie 88 wird auch diese mit einem sehr turbulenten, Kraft und Munterkeit ausstrahlenden Finale beendet. Es hat verkürzte Sonatenform und wird im wesentlichen aus dem motivischen Material eines Themas bestritten, das über einem Orgelpunkt im Bass mit staccierten Achteln in bogenförmigen Auf und Ab den Raum einer Oktave ausfüllt.

Nb 7.16: Sinfonie 92, 4. Satz, T. 1-9
Sinfonie 92, 4. Satz, T. 1-9

Nachdem dieses Thema dem Hörer nicht weniger als viermal unmittelbar hintereinander vorgeführt wurde, wird ein Motiv von ihm abgespalten (3. Takt) und sofort verarbeitet (T. 32 ff.). Intensive thematische Arbeit bleibt für den Satz insgesamt charakteristisch. Im Zentrum der Durchführung wird das Thema zuerst in den Bässen, dann in der ersten Violine mit einer chromatisch absteigenden Gegenstimme [12] konfrontiert. Es entsteht ein für ein Finale ganz untypischer dreistimmiger Satz in doppeltem Kontrapunkt:

Nb 7.17: Sinfonie 92, 4. Satz, T. 130-145
Sinfonie 92, 4. Satz, T. 130-145

Der Verlauf der geringfügig erweiterten Reprise entspricht im Wesentlichen der Exposition.


Anmerkungen

[11] Schon vor mehr als 100 Jahren hat Hermann Kretzschmar darauf hingewiesen, dass Haydns Spätstil in dieser Sinfonie erstmals zu voller Reife kommt: „Man kann mit einem gewissen Recht die Oxfordsinfonie Haydn’s Eroica nennen. Der neue Stil ist in ihr fertig.“ (H. Kretzschmar, Führer durch den Concertsaal, 1. Band, 3. Aufl.,Leipzig 1989, S. 85.

[12] Ob der chromatische Beginn dieser Gegenstimme aus dem Thema (Umkehrung von T. 2/3) ableitbar ist, bleibe dahingestellt.