Die Pariser Sinfonien (1785/1786)
► Einzelne Sinfonien ► Sinfonie 85, B-Dur („La Reine“)

Adagio/Vivace – Romanze Allegretto – Menuett Allegretto - Presto

Sehr eindringlich zeigt der erste Satz dieser wohl fälschlich mit der französischen Königin Marie Antoinette in Verbindung gebrachten Sinfonie, dass in Haydns reifer Schaffenszeit noch immer solche unvermittelten Einbrüche und schockierenden Kontrastierungen möglich sind, wie sie in seiner Sinfonik der Jahre 1768 bis 1772 charakteristisch waren. Die Adagio-Einleitung erinnert mit den in punktierter Rhythmik unisono aufsteigenden Tonleiterfragmenten der ersten drei Takte an die barocke Ouvertüre und geht dann zu vollständigen, eine Oktave durchlaufenden Tonleitern über, die im weiteren Verlauf des Satzes an unterschiedlichsten Stellen immer wieder erscheinen und so eine wichtige Klammer zwischen Einleitung und Hauptsatz bilden.

Nb 6.14: Sinfonie 85, 1. Satz, Einleitung
Sinfonie 85, 1. Satz, Einleitung

Das zwölftaktige lyrisch-kantable Hauptthema ( Nb 6.1) ist recht ungewöhnlich: es entwickelt sich aus einem zwei Takte lang über abwärts schreitenden Bässen hinweg gehaltenen Ton heraus; der Vorgang wiederholt sich, leicht modifiziert, eine Stufe höher, dann wird das Thema mit einer dritten Viertaktgruppe kadenzierend abgeschlossen. Eine Unisono-Passage schließt sich unmittelbar an, bestehend aus in Achteln aufwärts laufenden Tonleitern – sie kündigten sich bereits in der langsamen Einleitung an - und abstürzenden Akkorden. Danach wird der Eröffnungsteil mit der Einführung des Themas wiederholt. Der weitere Verlauf der Exposition wird im Wesentlichen mit den Elementen bestritten, die nach der Aufstellung des Themas eingeführt wurden: Tonleitern und gebrochene Akkorde bestimmen das musikalische Geschehen in vielfältigen Verwandlungen. Dabei wächst die Erregung und, analog zu ihr, die modulatorische Bewegung. Schließlich bricht die Entwicklung auf einem C-Dur-Akkord ab und es folgt mit einer plötzlichen Eintrübung nach f-Moll ein Abschnitt, in dem das Motiv des fallenden Dreiklangs konzentriert und verdichtet allein das musikalische Geschehen beherrscht.

Nb 6.15: Sinfonie 85, 1. Satz, T.62-70
Sinfonie 85, 1. Satz, T.62-70

Dieser Einbruch eines Bedrohlich-Fremden in eine bis dahin eher freundliche Atmosphäre bleibt freilich zunächst Episode, denn nach 14 Takten leitet die absteigende, von Achteln unterbrochene Tonleiterbewegung, die das Thema von Anfang an stets begleitete, zu dessen Wiederaufnahme in der Tonart der Dominante über. Nach diesem Rückgriff auf das Thema, der das fehlende Seitenthema ersetzt, beendet eine kurze Schlußgruppe die Exposition.

Noch aber ist die Gefahr, die sich mit diesem kurzen Einbruch in die Exposition andeutete, nicht gebannt, denn die Durchführung beginnt nicht, wie üblich, mit einer mehr oder weniger modifizierten Gestalt des Themas, sondern sie greift zunächst, mit gesteigerter Vehemenz, die oben zitierte Passage (Nb 6.15) auf. Ungewöhnlich ist der harmonische Verlauf: nach dem Schluß der Exposition auf F-Dur wird die Durchführung mit vier repetierten Forte-Akkorden in D-Dur eröffnet, und auf diese erfolgt mit plötzlichem Ruck nach Es-Dur wieder jener aus der Exposition bekannte Einbruch, jetzt jedoch mit ungleich größerer Intensität. Nicht nur ist er mit 20 Takten wesentlich länger als zuvor, gesteigert ist auch die Erregung, insbesondere durch die Achtel-Synkopen in der zweiten Violine und die unablässig pochenden Achtel in den Bratschen und Bässen.

Nb 6.16: Sinfonie 85, 1. Satz, T.114-121
Sinfonie 85, 1. Satz, T.114-121

Es ist verblüffend, wie nahe dieses Partiturbild demjenigen des ersten Satzes der Sinfonie 45 aus dem Jahre 1772 kommt (Nb 4.41): die Übereinstimmung ist so groß, dass man vermuten könnte, es handele sich um eine bewußte Reminiszenz. Allerdings bleibt dieser ungewöhnliche Durchführungsbeginn für den weiteren Verlauf des Satzes erstaunlicherweise ohne Folgen, eine Episode, an die nicht mehr erinnert wird, denn die Durchführung greift danach, als wäre nichts geschehen, auf das Thema zurück und läßt allmählich eine Stimmung fast pastoraler Ruhe entstehen. Diese setzt sich auch in die stark verkürzte Reprise hinein fort, in der bezeichnenderweise jene Takte des ersten Einbruchs in der Exposition (Nb 6.15) eliminiert sind.

Der zweite Satz besteht aus vier Variationen eines damals in Paris offenbar sehr beliebten, anmutigen Liedes mit dem Titel „La gentille et jeune Lisette“. Die Liedmelodie bleibt in allen, auch in der an zweiter Stelle stehenden Mollvariation, deutlich erkennbar; sie wird meist nur umspielt und instrumentatorisch leicht verändert.

Das Menuett hat, ähnlich wie das der Sinfonie 83, einen 14 Takte langen Anhang, in dem einzelne Motive nochmals verarbeitet werden, intensiver als im nur 8 Takte umfassenden Mittelteil. Und wie in vielen Menuetten dieser Zeit zeigt der Mittelteil auch im Trio durchführungsartige Züge: er hat – ein recht seltener Fall – mit 24 Takten die dreifache Länge der rahmenden Außenteile.

Nb 6.17: Sinfonie 85, Finale, Thema
Sinfonie 85, Finale, Thema

Das temperamentvolle, heiter-gelöste Finale hat ein einprägsames achttaktiges Thema, das nach Art eines Rondos mehrfach unverändert wiederkehrt. Freilich enthält der Satz auch Sonatenelemente, da die zwischen den Auftritten des Themas erscheinenden Zwischensätze weitgehend aus der Verarbeitung von Motiven des Themas gestaltet sind. So kann man von einer Durchdringung von Rondo- und Sonatenform sprechen: damit aber kündigt sich in diesem Satz ein Formtypus an, der für die Schlußsätze der folgenden Sinfonien Haydns immer mehr charakteristisch werden wird.