Die Pariser Sinfonien (1785/1786)
► Einzelne Sinfonien ► Sinfonie Nr. 83, g-moll („La Poule“)

Allegro spiritoso – Andante – Menuett Allegretto - Vivace

Die Sinfonie ist ein besonders eklatantes Beispiel dafür, wie durch eine auf einem völlig nebensächlichen Merkmal beruhende Etikettierung die Erwartungshaltung des Hörers in eine falsche Richtung gelenkt und so die Wirkung des Werkes in unerträglicher Weise verfälscht werden kann [17]. Denn die angeblich an das Gegacker einer Henne erinnernden punktierten Tonwiederholungen der Oboe, die Haydn bei der Wiederholung über das Seitenthema legte (T 52 ff.), sind für diese einzige Mollsinfonie unter den Pariser Werken in keiner Weise charakteristisch. Diese ist vielmehr ein Werk, das, zweifellos von einer höheren Warte aus, mit der stürmisch-erregten Grundhaltung des ersten und den überraschenden Ein- und Umbrüchen des zweiten Satzes den Bogen zurück zu den Werken der frühen siebziger Jahre schlägt. Ungewöhnlich ist schon das Thema (Nb 6.1) des ersten Satzes: ein aufsteigender g-Moll-Dreiklang, vor dessen Quinte (d) ein Leitton-Vorhalt (cis) gestellt ist, der, auf dem schweren Taktteil stehend und außerdem durch die sf-Vorschrift besonders akzentuiert, dem Thema eine sehr intensive Innenspannung verleiht. Wie in den meisten Sinfonien dieser Zeit beginnt die Umbildung und Verarbeitung des Themas sofort nach seiner Aufstellung, bevor eine kurze Überleitung zu dem achttaktigen Seitenthema hinführt, das einen starken Gegensatz zum Hauptthema bildet. Es erklingt zweimal hintereinander und erhält seinen leicht burlesken und naiven Charakter vor allem durch die Vorschläge vor nahezu jedem Ton. Eine sehr knappe Schlußgruppe beschließt die Exposition.

Die Durchführung beginnt mit einer Umformung des Themenkopfes, zusammengedrängt auf den Raum einer Quarte. Danach erscheint noch einmal das Seitenthema, von Es-Dur nach f-Moll modulierend, doch bleibt sein Auftreten eine kurze Episode, denn ganz überraschend, ohne jede Zäsur, setzt nach zehn Takten zuerst in den Bässen das Kopfmotiv des Hauptthemas ein und dieses bestreitet in dichter thematischer Arbeit den gesamten weiteren Verlauf der Durchführung. Wie sehr die eigentümliche Vorhaltsbildung vor der Quint im Themenkopf der motivische Kerngedanke des gesamten Satzes ist, wird unmittelbar vor dem Eintritt der Reprise deutlich, wo der Themenkopf nach einer Generalpause in einem zwölftaktigen Abschnitt in skeletthafter Abstraktion schemenhaft noch viermal herausgestellt wird.

Nb 6.11: Sinfonie 83, 1. Satz, T. 118-130
Sinfonie 83, 1. Satz, T. 118-130

Unmittelbar danach setzt die Reprise ein, die, von leichten Kürzungen abgesehen, im Wesentlichen analog zur Exposition verläuft.

Die Erregung, die den ersten Satz trotz der vergeblichen Beruhigungsversuche des Seitenthemas durchzieht, wirkt auch in den langsamen Satz hinein. Er hat verkürzte Sonatenhauptsatzform, ohne Seitenthema, mit kurzer Durchführung und deutlich markierter Reprise. Das achttaktige Thema findet aus sanften Tonwiederholungen in dreifachem Aufschwung zu verhalten-strömender Kantabilität.

Nb 6.12: Sinfonie 83, 2. Satz, Thema
Sinfonie 83, 2. Satz, Thema

Die ruhig klopfenden Achtelrepetitionen, mit denen das Thema beginnt, durchziehen in der Begleitung beinahe den gesamten Satz: sie wirken wie eine Darstellung des Herzschlags. Zweimal jedoch, in der Exposition und in der Reprise, wird die friedvolle Stimmung durch den völlig unvermittelten Einbruch einer unisono im Forte wie ein Blitz über zwei Oktaven herabstürzenden Tonleiter zerstört. Erschrocken und ratlos lassen danach die zweiten Geigen und Bratschen über nicht weniger als vier Takte hinweg ein in Achteln starr klopfendes Terzintervall hören. Dann aber bricht noch einmal das gesamte Orchesters ein, diesmal im Fortissimo, und erst danach findet die Musik allmählich wieder zur Stimmung des Anfangs zurück.

Nb 6.13: Sinfonie 83, 2. Satz, T. 23-29
Sinfonie 83, 2. Satz, T. 23-29

In der Reprise wiederholt sich dieser Vorgang, nur ist hier der Einbruch insofern noch heftiger, als die herabstürzende Tonleiter jetzt dreimal hintereinander erscheint [18].

Die folgenden Sätze, beide in G-Dur, bieten kaum auffällige Besonderheiten; in ihnen ist die Erregung der vorhergehenden Sätze abgeklungen und gedämpfter Heiterkeit gewichen. Der dritte Satz nähert sich wie fast alle Menuette dieser Zeit durch Ausbildung einer 16taktigen Minidurchführung zu Beginn des zweiten Teils der Sonatenhauptsatzform. Merkwürdig ist die Erweiterung der anschließenden „Reprise“ um zwei Takte und die Anfügung einer achttaktigen Coda, in der das Thema noch einmal aufgegriffen und spielerisch aufgelöst wird.

Das Finale steht im 12/8-Takt - ungewöhnlich für ein Werk, das keine Beziehung zur Jagd-Thematik aufweist - und ist durchweg getragen von dem motivischen Material, welches das unbekümmert-heitere Thema bereitstellt. Nur in der kurzen Durchführung wirkt die hartnäckige Wiederholung eines Motivs auf unterschiedlichen Tonstufen und die Weitung des modulatorischen Geschehens bis hin zu Des-Dur (T.42-55) wie ein letzter Nachhall der Irritationen, die in den vorhergehenden Sätzen zutage traten.


Anmerkungen

[17] Der Titel taucht wahrscheinlich erstmals 1831 in einem Werkverzeichnis auf. Möglicherweise wurde er angeregt durch die Ähnlichkeit des Seitenthemas der Sinfonie mit einem „La Poule“ betitelten Klavierstück Jean Philippe Rameaus, das Haydn kaum gekannt haben dürfte.

[18] Schon vor mehr als hundert Jahren hat Hermann Kretzschmar eine sehr eindrucksvolle Schilderung dieses Satzes gegeben, in dem er eine der „unmittelbarsten, dramatisch bedeutendsten Leistungen der Instrumental­musik überhaupt“ sieht: „Ganz überwältigend hat darin Haydn den Zustand der äußersten Seelenspannung geschildert: wie die Erwartung, die das Schlagen des Herzens unterdrücken möchte, dem lauten Aufschrei weicht und ein Gefühl ins andere stürzt, das ist mit einem wunderbaren Realismus dargestellt.“ (H. Kretzschmar, Führer durch den Concertsaal, 1. Band, 3. Auflage, Leipzig 1898, S. 72).