Die Pariser Sinfonien (1785/1786)
► Einzelne Sinfonien ► Sinfonie Nr. 82, C-Dur („L'Ours“)

Vivace assai – Allegretto – Menuett – Vivace

Wie es bei Haydn und in dieser Zeit überhaupt für eine Sinfonie in C-Dur charakteristisch ist, beginnt die Sinfonie 82 ungemein kraftvoll und strahlend unisono im Fortissimo mit einem Thema von lapidarer Einfachheit: einem über eine Dezime hinweg energisch aufstrebenden, danach eine Sext abfallenden C-Dur-Dreiklang, dem ein sanft schwingender Kontrastgedanke als Nachsatz entgegengestellt wird (Nb 6.1). Ein solches Thema macht eine langsame Einleitung unnötig: es schlägt den Zuhörer sofort in seinen Bann, fordert seine volle Aufmerksamkeit und stellt zugleich das Material für die Entwicklung des Satzes bereit. Als sei es mit diesem machtvollen Beginn noch nicht genug, läßt Haydn unmittelbar nach Aufstellung des Themas eine zwölftaktige Klangfläche folgen, in der mit fanfarenartiger Motivik und dominierenden Bläsern - die Trompeten und Pauken werden aus dem übrigen Orchester durch Fortissimo-Vorschrift besonders herausgehoben – die Grundtonart nachdrücklich bestätigt und befestigt wird. Unmittelbar danach, also schon in der Exposition, beginnt die Arbeit mit dem Themenkopf, der sich in den Violinen und Bässen auf unterschiedlichen Stufen mehrfach zu Wort meldet. Das Seitenthema wird vor seinem definitiven Auftreten (T.70 ff.) in einer Überleitung vorbereitet, in der als neuer motivischer Baustein das Doppelschlagmotiv in das Gefüge des Satzes eingeführt wird, das dann einen charakteristischen Baustein des Seitenthemas bildet [16].

Überraschenderweise setzt die Durchführung nicht mit dem Themenkopf ein, sondern mit dem viertaktigen Kontrastteil des Themas, der bisher im Verlaufe des Satzes noch nicht in Erscheinung trat. Auch jetzt wird er nur kurz zitiert. Ihm schließt sich unmittelbar, verkürzt und verändert, jene zu Beginn des Satzes breit herausgestellte Klangfläche mit fanfarenartiger Motivik an, und ihr folgt, in deutlicher Analogie zum Verlauf des Exposition, wieder eine intensive Verarbeitung des Themenkopfes. Ebenfalls in Entsprechung zur Exposition wird danach das Seitenthema in der Durchführung aufgegriffen und es kommt zu jener kurzen kontrapunktischen Verarbeitung, auf die bereits hingewiesen wurde (Nb 6.2). Die leicht verkürzte Reprise entspricht weitgehend der Exposition. Als Besonderheit fällt lediglich auf, dass zu Beginn des Abschnittes, in dem der Themenkopf verarbeitet wird, dieser dreimal gleichzeitig mit seiner Umkehrung, also einem abwärts gerichtetem Dreiklang, erklingt (T.197 ff.).

Der zweite Satz ist ein Variationssatz, dessen Anlage allerdings insofern sehr ungewöhnlich ist, als das einfache, anspruchslose Thema insgesamt dreimal unvariiert in seiner Originalgestalt und mit nur geringen instrumentatorischen Veränderungen erscheint und die zwischen diesen Themenauftritten erklingenden „echten“ Variationen beide in Moll stehen. Der Satz hat also den Grundriß:
   Thema – Minore I – Thema – Minore II – Thema (erweitert) – Coda
Die beiden Minore-Variationen weichen stark voneinander ab und das Thema wird bei seinem letzten Auftreten zu einer Coda erweitert.

Nb 6.8: Sinfonie 82, zweiter Satz: Thema, Minore I, Minore II
Sinfonie 82, zweiter Satz: Thema
Sinfonie 82, zweiter Satz: Minore I
Sinfonie 82, zweiter Satz: Minore II

Das folgende Menuett verdient vor allem wegen seines Trios Interesse, denn dieses belegt besonders eindrucksvoll, dass sich in den späteren Sinfonien Haydns nicht nur im Menuett selbst Einflüsse der Sonatenhauptsatzform mit Ansätzen zu thematischer Arbeit finden, sondern sie sich in verkürzter und rudimentärer Form nun auch in den Trios bemerkbar macht. Erkennbar ist dies schon an der Ausdehnung der einzelnen Teile diesesm Trios: der mittlere Abschnitt, der die Rolle einer Miniatur-Durchführung spielt, ist mit 24 Takten dreimal so lang wie die achttaktigen Abschnitte, die ihn umrahmen. Erstaunlicher als die Breite dieses Mittelteils ist aber seine innere Beschaffenheit. Ganz ungewöhnlich für ein Trio, das sonst eher eine betont einfache, an volkstümlichen Vorbildern orientierte Anlage und Satzweise aufweist, ist der sehr differenzierte Orchestersatz mit reicher und selbständiger Verwendung der Bläser. Völlig singulär aber erscheint im neunten Takt nach Beginn dieses Abschnitts die unerwartete mediantische Rückung von G-Dur nach Es-Dur und die daran anschließende Entwicklung, in der ein aus dem Thema abgeleitetes Motiv kurz, aber überaus intensiv verarbeitet wird.

Nb 6.9: Sinfonie 82, Menuett (Trio), T. 55-70
Sinfonie 82, Menuett (Trio), T. 55-70

Das Finale ist der bemerkenswerteste Satz und der Höhepunkt des Werkes: die kraftvolle, unbeschwerte Grundstimmung, die für die vorhergehenden Sätze charakteristisch ist, wird in ihm zu turbulenter Ausgelassenheit gesteigert, zu einem tollen, übermütigen Kehraus, dessen Orientierung an volksmusikalischen Vorbildern evident ist. Die “brummenden” kurzen Vorschläge vor den dudelsackartig über mehrere Takte festgehaltenen Baßtönen haben der Sinfonie ihren Namen gegeben; darüber entfaltet sich das Thema, das eine aus zwei Motiven - Doppelschlag und Dreiklangsfigur – bestehende Zweitaktgruppe dreimal unverändert wiederholt und mit dieser bei Haydn sonst kaum vorkommenden additiven Anlage wahrscheinlich auf Anregungen aus der slawischen Folklore zurückgeht.

Nb 6.10: Sinfonie 82, Finale
a) Anfang (T. 1-11)
Sinfonie 82, Finale: Anfang (T. 1-11)
b) T. 12-20
Sinfonie 82, Finale: T. 12-20

An dieses Thema schließt sich ein kurzer Bläser-Zwischensatz an (Nb 6.10b) und danach wird das Thema wiederholt, diesmal aber von der zweiten Violine, während die erste eine Quint höher das Vorschlagsmotiv aufnimmt, das vorher den Dudelsack-Bass bildete war. Es bleibt also nicht an diesen gebunden, wird vielmehr von verschiedenen Instrumenten aufgegriffen und hat somit offenbar keine tonmalerische Bedeutung, wie der Titel der Sinfonie suggerieren könnte. Das häufige Auftreten dieses Motivs in verschiedenen Höhenlagen den gesamten Satz hindurch macht deutlich, dass ihm thematische Bedeutung zukommt: der eigentümliche Charakter dieses Satzes wird durch das Vorschlagsmotiv entscheidend geprägt. Formal handelt es sich bei diesem Finale um einen Sonatensatz mit kurzer Durchführung, in der das Thema und seine Motive intensiv verarbeitet werden.


Anmerkungen

[16] Auf diesen Abschnitt, der das Seitenthema vorbereitet und zu ihm überleitet, wird in der Reprise verzichtet.