Die Pariser Sinfonien (1785/1786)
► Die langsamen Sätze

Das seit Anfang der achtziger Jahre bemerkbare lebhafte Interesse Haydns an der Variationsform zeigt sich auch in den Pariser Sinfonien: in drei von ihnen steht an zweiter Stelle ein Zyklus von Variationen. Die diesen Sätzen zugrunde liegenden Themen sind in den Sinfonien 82 und 85 schlicht liedhaft, in letzterer handelt es sich bei dem „Romanze“ überschriebenen Satz wohl um ein beliebtes französisches Lied. Einen deutlich abweichenden Charakter hat das aus der langsamen Einleitung des ersten Satzes abgeleitete, betont lyrisch-kantable, ausdrucksvolle Thema des Andante-Satzes der Sinfonie 84. In jedem der drei Sätze folgen auf das Thema vier Variationen, wobei in Sinfonie 82 die zweite und die vierte Variation das Thema mit nur geringen, vorwiegend instrumentatorischen Veränderungen wiederholen. Die „echten“ Variationen 1 und 3 stehen beide in Moll (Minore), und die vierte wird, nachdem das Thema zunächst kaum verändert erklungen ist, zu einer ausgedehnten Coda erweitert. Eine solche Verlängerung der abschließenden Variation findet sich auch in den beiden anderen Variationssätzen, besonders prägnant in Sinfonie 84, in der die dritte Variation überraschend trugschlüssig auf einen g-Moll Akkord endet. Die unmittelbar anschließende Wiederaufnahme des Themas in der Tonart der Subdominante Es-Dur wird nach einem Takt durch einen unerwarteten themafremden Forte-Einbruch unterbrochen, und dann erst folgt, von den Bläsern angeführt, eine dem Thema allerdings sehr nahestehende letzte Variation.

Ungewöhnlich in diesem Variationssatz sind auch die Ansätze zu polyphoner, imitatorischer Verarbeitung des Themas, die sich andeutungsweise schon im zweiten Thementeil (T. 9/10, 12/13) und intensiviert in der ersten, in b-Moll stehenden Variation finden.

Nb 6.4: Sinfonie 84, 2. Satz, T. 21-28
Sinfonie 84, 2. Satz, T. 21-28

Der langsame Satz der Sinfonie 83 zeigt die in den früheren Sinfonien vorherrschende verkürzte Sonatenhauptsatzform, ohne Seitenthema, mit kurzer Durchführung und stark veränderter Reprise [10].

Als eine sehr freie Variationsform läßt sich der formale Grundriss des langsamen Satzes der Sinfonie 87 interpretieren. Das viertaktige Thema (Nb 6.5 A) erklingt zweimal unmittelbar hintereinander in den Streichern, bei der Wiederholung von der Flöte umspielt. Daran schließt sich, ebenfalls ohne Übergang, ein viertaktiger Abschnitt mit einem neuen Thema an, das von der Oboe über der Begleitung der zweiten Violine in Sechzehnteltriolen vorgetragen wird

Nb 6.5: Sinfonie 87, 2. Satz, T. 1-8 (A: 1. Viol.), 16-20 (B: Oboe)
Sinfonie 87, 2. Satz, T. 1-8 (A: 1. Viol.)
Sinfonie 87, 2. Satz, 16-20 (B: Oboe)

Die Sechzehntelbewegung wird anschließend von der ersten Violine aufgegriffen und vier Takte lang arabeskenhaft fortgeführt; dann setzt wieder das leicht variierte Thema (A) ein, diesmal von der ersten Violine nur eingeführt und von den Oboen und der Flöte fortgesetzt. Danach wiederholt sich – mit einigen variativen Abweichungen – der geschilderte dreiteilige Ablauf (A – B – A'): wieder mündet das musikalische Geschehen in eine Kadenz ein, weit umfangreicher als die vorhergehende, bestritten von den Holzbläsern über lang gehaltenen Pedaltönen der zwei Hörner. Eine kurze codaartige Reminiszenz an das Thema beschließt danach den Satz, der sich also als eine zweistrophische Anlage beschreiben läßt, bei der jede Strophe in sich als dreiteilige Liedform angelegt ist.

Nicht nur wegen seiner sehr ungewöhnlichen formalen Anlage ist dieses Adagio bemerkenswert, sondern auch deshalb, weil in ihm mit der häufigen Verwendung solistischer Bläser und den jeden Teil beschließenden Kadenzen noch einmal – in den achtziger Jahren durchaus ungewöhnlich – wie in Haydns sinfonischem Frühschaffen konzertante Elemente eine bestimmende Rolle spielen. Die ausgedehnten Kadenzen für mehrere Instrumente wirken wie eine Erinnerung an ähnliche Erscheinungen der frühen Esterházy-Zeit [11].

Ein ganz unvergleichlicher, freier und keinem traditionellen Formschema zuzuordnender Satz ist das Capriccio der Sinfonie 86. Lässt dieser Titel an ein locker gefügtes, launisches, überraschungs- und kontrastreiches Stück mit burlesken Charakter denken, so wird einer solchen Erwartung schon durch die Tempobezeichnung Largo und auch durch seine Stellung als langsamer Satz der Sinfonie widersprochen. Deshalb dürfte vor allem die lockere, weitgehend freizügige und gleichsam von spontaner Inspiration bestimmte Formung der Grund gewesen sein, weshalb Haydn eine solch ungewöhnliche und in seinem sinfonischen Schaffen völlig einmalige Bezeichnung für diesen Satz gewählt hat. Als einzige formale Klammer dient der im G-Dur-Dreiklang aufsteigende viertaktige Anfangsgedanke, der mehrmals wiederkehrt und dabei meist in einen anderen Zielklang mündet. Dazwischen stehen kaskadenhaft abstürzende Ketten von Seufzermotiven: sie unterstreichen den beinahe improvisatorisch anmutenden Charakter des insgesamt rätselhaften Satzes.


Anmerkungen

[10] genauere Besprechung des Satzes bei der Einzelbesprechung der Sinfonie unten.

[11] Zu denken wäre etwa an die große, von Violine und Violoncello bestrittene Kadenz am Schluß des zweiten Satzes von Sinfonie 7 („Le Midi“).