Die Pariser Sinfonien (1785/1786)
► Die Hauptsätze

In den Hauptsätzen der sechs Pariser Sinfonien setzen sich deutlich jene Tendenzen der Differenzierung und Verstärkung der thematischen Arbeit fort, die schon in den siebziger Jahren immer klarer zutage traten. Ablesbar ist dies bereits an der Gestalt ihrer Themen: nach wie vor sind sie achttaktig-periodisch angelegt [7] und meist aus kontrastierenden Elementen zusammengefügt, wodurch sich ihre Eignung zu intensiver Verarbeitung verstärkt. Deutlich zeigt sich dies an dem geradezu “klassischen“ Kontrastthema der Sinfonie 82, dessen nur aus dem C-Dur-Dreiklang bestehendem, in lapidarem Unisono herausgestellten viertaktigen ersten Teil ein ebenso langer sanft-schwingender Nachsatz entgegengestellt wird (siehe Nb 6.1). Als ein sehr originelles Kontrastthema präsentiert sich das Thema der Sinfonie 86, in dem einer eröffnenden, einen Ton tiefer wiederholten Zweitaktgruppe unvermittelt ein sehr energisches Motiv im Fortissimo gegenübergestellt wird, das nicht weniger als sieben Takte lang in unterschiedlichen Varianten den Verlauf bestimmt. Freilich bleibt es zweifelhaft, ob dieser ausgedehnte kontrastierende Abschnitt überhaupt noch dem Thema zuzurechnen ist, denn erst in der Reprise wird er mit dem ersten viertaktigen Thementeil wieder unmittelbar konfrontiert, allerdings jetzt auf vier Takte verkürzt; in der Durchführung dagegen werden beide Motive getrennt verarbeitet.

Nb 6.1 – Thementafel
Sinfonie 82, Thema
Sinfonie 83, Thema
Sinfonie 84, Thema
Sinfonie 85, Thema
Sinfonie 86, Thema
Sinfonie 87, Thema

Ein Seitenthema ist in den Kopfsätzen der Pariser Sinfonien außer in Sinfonie 85 immer vorhanden und stets wird es nun auch in der Durchführung aufgegriffen und mehr oder weniger intensiv verarbeitet, so dass diese oft analog zur Exposition verläuft und deren Ablauf, natürlich modifiziert und mit anderer modulatorischer Entwicklung, wiederholt. In Sinfonie 86 wird das Seitenthema, nachdem es in der Durchführung in seiner normalen achttaktigen Gestalt erklungen ist, in einen kurzen, aber intensiven imitatorischen Verarbeitungsprozess hineingezwungen.

Nb 6.2: Sinfonie 82, 1. Satz, T.152-162
Sinfonie 82, 1. Satz, T.152-162

Eine ungewöhnlich große Rolle spielt das sehr einfache, aus Tonleiterfragmenten zusammengesetzte Seitenthema (T. 48 ff.) auch in Sinfonie 87. Es wird ausgiebig im zweiten Teil der Durchführung, über 16 Takte hinweg, verarbeitet (T. 108 ff.). Dieser Abschnitt endet auf einem Gis-Dur-Akkord, es folgt eine „spannende“ Generalpause von nicht weniger als drei Takten, und danach wird das Seitenthema, nun überraschend in E-Dur, nochmals kurz aufgegriffen. Nach sechs Takten mündet es unmittelbar in die Reprise. Nicht genug mit dieser breiten Verarbeitung in der Durchführung, erscheint das Seitenthema außerdem am Schluß der Exposition und analog dazu am Ende des Satzes in einem 20 Takte umfassenden codaähnlichen Anhang, unterbrochen von einem viertaktigen Forte-Einschub: ein absolut einmaliger Satzschluß, der eine Parallele allenfalls in den merkwürdigen Satzschlüssen der Sinfonien 80 und 81 hat [8].

Wenn auch die Umbildung und Verarbeitung des Themas fast stets schon in der Exposition beginnt, bleibt naturgemäß die Durchführung der Ort, an dem sich die thematische Arbeit am eindrucksvollsten entfaltet. Es scheint bemerkenswert, dass Haydn in immerhin drei Sinfonien von der Regel abweicht, wonach die Durchführung mit dem nach der Dominante versetzten Thema zu beginnen hat. Möglicherweise ist dies eine Konsequenz der Vorverlagerung des Verarbeitungsprozesses in die Exposition: nachdem dem Hörer das Thema schon in vielfältigen Varianten und Umbildungen vorgeführt worden ist, scheint es nicht sinnvoll, ihn zu Beginn der Durchführung, in der dieser Prozeß sich fortsetzt, noch einmal an dessen Anfang zurückzuführen und ihn mit dem unveränderten Thema zu konfrontieren, zumal ihm durch die Wiederholung der gesamten Exposition ohnehin der bisherige Verlauf ein zweites Mal vorgeführt werden wird. So beginnt die Durchführung in Sinfonie 82 mit dem zweiten, sanften Teil des Kontrastthemas, nachdem der im Dreiklang aufsteigende Themenkopf zuvor ausgiebig verarbeitet wurde. In Sinfonie 83 wird das Thema extrem verkürzt und unmittelbar mit dem Seitenthema konfrontiert, und sehr ungewöhnlich ist der Durchführungsbeginn in Sinfonie 85, wo ein völlig neues, in einem Übergangsabschnitt der Exposition vorbereitetes Thema vehement einbricht [9].

Wie in den Sinfonien zuvor ist die Reprise fast immer mehr oder weniger stark verändert und meist leicht verkürzt. Besonders radikal ist die Verkürzung in Sinfonie 85, in der sie nur 66 Takte – gegenüber 100 Takten der Exposition – umfaßt. Eliminiert ist hier vor allem jener Abschnitt der Exposition (T. 62-74), in dem sich, wie schon dargelegt, der unvermittelte Einbruch abstürzender und wieder emporschießender Dreiklänge vorbereitet, mit dem die Durchführung anhebt. Auch die Reprise der Sinfonie 82 ist gegenüber der Exposition um beinahe ein Fünftel reduziert und die Verknappung betrifft vornehmlich denjenigen Abschnitt der Exposition, in dem der Kopf des Themas erstmals nach seiner Aufstellung intensiv verarbeitet wird, sowie die folgende Überleitung zum Seitenthema (T. 21-60). In Sinfonie 84 erklingt das Thema zu Beginn der Reprise nur einmal, während es am Anfang der Exposition sofort wiederholt wird.

All diese und andere, weniger gewichtigere Modifizierungen der Reprise gegenüber der Exposition resultieren letztlich daraus, dass der Prozeß der thematischen Arbeit nun nicht mehr auf die Durchführung beschränkt ist, sondern den gesamten Satz ergreift. Wo alles einem großen Verwandlungsprozeß unterworfen wird, dort kann auch die Reprise nicht mehr eine unveränderte Wiederholung der Exposition sein, sondern muß auf das vorhergehende Geschehen reagieren.

Drei der Pariser Sinfonien, also jede zweite, eröffnen den ersten Satz mit einer langsamen Einleitung. Sie wird nun von der Mitte der achtziger Jahre an bis zum Abschluß von Haydns sinfonischem Schaffen mehr und mehr zum unabdingbaren Bestandteil der Sinfonie. Wahrscheinlich hat Haydn jetzt klarer als bei den wenigen langsamen Einleitungen in seinen früheren Sinfonien erkannt, dass die immer gewichtiger werdende Sinfonie einer solchen Vorbereitung bedurfte, dass diese Gattung, die nun ihren unterhaltsamen Charakter endgültig verloren hat und zum autonomen Kunstwerk geworden ist, sinnvoll mit einem mehr oder weniger feierlichen Eingangssatz beginnen sollte, dessen Funktion die Sammlung der Aufmerksamkeit des Hörers durch die Schaffung erwartungsvoller Spannung ist, wodurch der Eintritt des Hauptthemas als ein Ereignis und Resultat eines ersten Entwicklungsprozesses empfunden wird. Wenn es aber die vornehmste Funktion der Einleitung ist, das Thema des Hauptsatzes vorzubereiten, so muss dies nicht unbedingt dadurch geschehen, dass einzelne motivische Bestandteile des Themas bereits in ihr herausgebildet werden. In den meisten frühen Sinfonien mit langsamer Einleitung ist dies noch nicht der Fall; erst in den späteren lassen sich immer häufiger solche motivisch-thematischen Zusammenhänge zwischen der langsamen Einleitung und dem Thema des ersten Satzes, manchmal sogar den folgenden Sätzen, mehr oder weniger deutlich erkennen. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel unter den Pariser Sinfonien bietet die Sinfonie 84, in der mit Ausnahme des Menuetts sämtliche Sätze Anklänge an die Motivik der Einleitung erkennen lassen.

Nb 6.3: Sinfonie 84: thematische Beziehungen zwischen langsamer Einleitung und 1., 2. und 4. Satz
Sinfonie 84: thematische Beziehungen, Einleitung
Sinfonie 84: thematische Beziehungen, 1. Satz
Sinfonie 84: thematische Beziehungen, 2. Satz
Sinfonie 84: thematische Beziehungen, Finale

Sind die Übereinstimmungen im melodischen Verlauf zwischen der Einleitung und dem Hauptthema des ersten Satzes noch einigermaßen vage, so ist die Melodik des langsamen Satzes mit der eröffnenden Kantilene der Einleitung nahezu identisch, und auch das Thema des Finalsatzes lehnt sich sehr deutlich an sie an.

Weniger konkret greifbar sind die Bezüge in Sinfonie 85. Hier wird in der Einleitung zuerst in punktierter Rhythmik, dann in gleichförmigen Zweiunddreißigstel-Läufen eine aufsteigende Tonleiter eingeführt, die im Verlaufe des gesamten ersten Satzes eine große Rolle spielt. In der dritten Pariser Sinfonie mit langsamer Einleitung, Sinfonie 86, lassen sich keine Zusammenhänge zwischen dieser und den Themen der folgenden Sätze erkennen.


Anmerkungen

[7] Nur das Thema der Sinfonie 85 umfasst 12 Takte.

[8] Siehe oben

[9] Eingehendere Darstellung dieses Durchführungsbeginns bei der Einzelbesprechung der Sinfonie.