Die Pariser Sinfonien (1785/1786)
► Einführung

Rund 30 Jahre stand Haydn als Kapellmeister im Dienste eines Fürstenhauses, und sein gewaltiges und vielfältiges sinfonisches Werk ist fast ausnahmslos aus den Pflichten erwachsen, die ihm dieses Amt auferlegten. Dennoch wäre es ganz verfehlt, in Haydns Sinfonik höfische Repräsentationsmusik sehen zu wollen. Wenn sie auch an vielen Höfen intensiv gepflegt wurde, war die junge und für die heraufziehende Epoche der Klassik zentrale Gattung der Sinfonie doch in hohem Maße Ausdruck eines bürgerlichen Weltverständnisses; in ihrer Lebendigkeit und inneren Dynamik, ihrem Reichtum an Kontrasten und der Darstellung von Prozessen spiegelte sich das Denken und Fühlen jener gesellschaftlichen Unterschicht, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts das geistige Leben immer stärker prägte und dann als „dritter Stand“ in der französischen Revolution erstmals zum Akteur auf der politischen Bühne wurde. Haydns sinfonisches Werk hatte an der Herausbildung dieser neuen Gattung und der sie bestimmenden musikalischen Sprache entscheidenden Anteil. Unter den für sein Schaffen trotz der territorialen Abgeschiedenheit besonders günstigen Bedingungen der Residenz von Esterházy hatte er tatkräftig und zielstrebig eine Kunst entwickelt, die sich tendenziell an alle wandte und den gebildeten, um die Gesetze der Musik wissenden „Kenner“ ebenso befriedigte wie sie den schlichten Bürger erfreute. Und ihnen allen vermittelte sie im Gleichnis der Musik sinnbildhaft ein Bild der Welt und des Menschen, das sie als das ihre empfanden und in dem sie sich wiederfanden.

Es ist deshalb verständlich, dass sich diese neuartige musikalische Kunst bald über den engeren Kreis ihrer Entstehung hinaus verbreitete, dass sie nicht nur in Österreich, sondern auch in Deutschland, Frankreich, England und den Niederlanden große Resonanz fand. Faszinierend ist es zu sehen, wie sich das in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in vielen Ländern rasch entwickelnde musikalische Verlagswesen gierig der Sinfonien Haydns bemächtigte und sie in Abschriften und Drucken verbreitete. Beginnend mit der ersten Veröffentlichung, der Sinfonie 2, durch den Pariser Verlag Venier im Jahre 1764, verging fortan nicht ein einziges Jahr, in dem nicht mehrere Sinfonien Haydns erschienen, in Leipzig vor allem im Verlag Breitkopf, in Wien bei Artaria, in Paris in fast allen der zahlreichen dort ansässigen Verlagen und etwas später, ab 1781, auch in London im Verlag Forster. Es ist keine Übertreibung, wenn man feststellt, dass nur wenige Sinfonien Haydns bis in die neunziger Jahre unveröffentlicht geblieben sind.

Diese umfassende Rezeption der Haydnschen Sinfonik ist umso erstaunlicher, als durchaus nicht klar ersichtlich ist, wie sie überhaupt zustande kommen konnte. Denn gemäß dem im Jahre 1761 zwischen dem Fürstenhaus und Haydn geschlossenem Kontrakt war es diesem eigentlich ausdrücklich untersagt, Kopien seiner im Dienste des Fürsten komponierten Werke weiterzugeben, noch auch für andere Auftraggeber zu komponieren. Anscheinend hat aber der Fürst bald auf der Einhaltung dieser Klausel nicht mehr bestanden [1], wobei es sicher eine Rolle gespielt haben mag, dass durch den wachsenden Ruhm Haydns auch ein günstiges Licht auf den Fürstenhof fiel, dessen Kapellmeister er war.

Trotz dieser rasch wachsenden Verbreitung der Sinfonien Haydns dauerte es bis in die Mitte der achtziger Jahre, ehe er erstmals einen auswärtigen Kompositionsauftrag erhielt. Er kam aus Paris, jenem außerordentlich regen Musikzentrum, in dem seit den ersten Gastspielen der Mannheimer Kapelle um 1750 ein großes Interesse an deutscher Instrumentalmusik bestand und sie intensiv gepflegt wurde. Hauptträger des Pariser Musiklebens und in ganz Europa berühmt als eines der ältesten Konzertunternehmen überhaupt waren die 1725 gegründeten „Concerts spirituels“, die jährlich 24 Konzerte im Schweizersaal der Tuilerien veranstalteten. Im Jahre 1770 haben wahrscheinlich erstmals Aufführungen haydnscher Sinfonien in Paris stattgefunden, allerdings durch eine andere, kaum weniger berühmte Konzertvereinigung, die „Concerts des Amateurs“, die von dem Komponisten François-Joseph Gossec geleitet wurden. Das Interesse an Haydns Musik in Paris verstärkte sich dann offensichtlich Anfang der achtziger Jahre, als sein 1767 komponiertes „Stabat mater“ in der französischen Hauptstadt mehrfach mit großem Beifall aufgeführt worden war. Haydn berichtete darüber in einem aufschlußreichen Brief aus dem Jahre 1781 an den Wiener Verleger Artaria:

„Monsieur Le Gros, Directeur vom Concert spirituel, schrieb mir ungemein viel schönes von meinem Stabat mater, so aldort 4 mahl mit größtem beyfall produciert wurde; die Herren batten um die erlaubnuss dasselbe stechen zu lassen. Sie machten mir den antrag, alle meine zukünftigen werke zu meinem nahmhaften besten stechen zu lassen, und sie wunderten sich sehr, daß ich in der Singcomposition so ausnehmend gefällig wäre.“ [2]

Bestand somit schon seit 1781 ein direkter Kontakt zu Joseph Le Gros, einem der führenden Organisatoren des Pariser Musiklebens [3], so vergingen doch immerhin noch drei Jahre, ehe es definitiv zum Auftrag über die Komposition von sechs Sinfonien für die „Concerts de la Loge Olympique“ kam, die 1780 aus den „Concerts des Amateurs“ hervorgegangen waren und ebenfalls von Le Gros geleitet wurden. Für Haydn bedeutete dieser erste Auftrag aus dem Ausland nicht nur eine große Ehre, sondern stellte ihn auch vor eine Bewährungsprobe und neuartige Schaffenssituation. Zum ersten Male stand er vor der Aufgabe, Musik für ein großes, weltstädtisches Publikum zu schaffen, dessen Erwartungen er ihm einzelnen nicht kannte. Nun mußte sich zeigen, ob das, was in der Stille der esterházyschen Residenz herangereift war und deren Bedürfnissen entsprochen hatte, auch den Anforderungen eines nach Geschmack und Urteil sehr heterogenen Publikums genügte. Und obgleich Haydn natürlich wußte, welch breite Resonanz sein bisheriges sinfonisches Schaffen schon in der musikalischen Welt gefunden hatte und er deshalb für diese neue Aufgabe nicht unvorbereitet war, bedeutete der Auftrag aus Paris für ihn jedenfalls den Schritt auf eine neue Stufe seiner künstlerischen Entwicklung.

Die Sinfonien wurden wahrscheinlich unmittelbar nacheinander in den Jahren 1785 und 1786 komponiert und wenig später in Paris uraufgeführt, und zwar mit einem ungewöhnlich reich besetzten Orchester, das aus 40 Violinen, 10 Bässen und doppelt oder sogar dreifach besetzten Bläsern bestanden haben soll. Die Resonanz war überaus stark und herzlich. Wie die Werke von den Kennern der französischen Metropole beurteilt wurden, davon gibt ein Bericht des „Mercure de France“ aus dem Jahre 1788 wenigstens einen ungefähren Eindruck: „Man hat im vorigen Jahr alle Sinfonien von Herrn Haydns aufgeführt. Jeden Tag versteht man sie besser, und aus diesem Grunde bewundert man die Werke dieses vielseitigen Genies jeden Tag mehr. Jedes seiner Stücke ist sehr gut gemacht, von einmaligem Inhalt und zeigt die reichsten und verschiedenartigsten Entwicklungen. Sie unterscheiden sich sehr von jenen unfruchtbaren Komponisten, die fortwährend von einem Gedanken zum anderen schweifen und mechanisch Effekte auf Effekte häufen, ohne inneren Zusammenhang und ohne Geschmack.“

Joseph Haydn: Pariser Sinfonien
Jahr Nr. Ton­art Titel [4]
urspr. Zählung [5]
Beset­zung [6] Satzfolge
1785 83 g Nr. 2
La Poule
  Allegro spiritoso – Andante – Menuetto Allegretto - Vivace
  87 A Nr. 6   Vivace – Adagio - (Menuett) – Vivace
1786 82 C Nr. 1
L'Ours
2 Trp., Pk. Vivace assai – Allegretto – (Menuett) – Vivace
  84 Es Nr. 3   Largo/Allegro – Andante – Menuetto Allegretto – Vivace
  85 B Nr. 4
La Reine
  Adagio/Vivace – Romanza Allegretto – Menuetto Allegretto – Presto
  86 D Nr. 5 2 Trp., Pk. Adagio/Allegro spiritoso – Capriccio Largo – Menuetto Allegretto – Allegro con spirito

Haydn erhielt für die sechs Sinfonien ein Honorar von 1600 Francs. Außerordentlich groß war das Interesse der Verleger. Der namhafte französische Herausgeber Imbault kaufte das Recht zur Veröffentlichung für 1000 Francs von der Konzertgesellschaft und brachte sie mit dem Zusatz „gestochen nach den der Loge Olympique gehörenden Originalpartituren“ auf den Markt. Es ist charakteristisch für die Praktiken des Musikalienmarktes zu einer Zeit, als noch kein Urheberrecht existierte, dass sich der Wiener Verlag Artaria beeilte, noch vor dem Erscheinen der Imbault-Drucke eine eigene Ausgabe herauszubringen, gestützt offenbar auf Abschriften, die er sich - auf welchem Wege auch immer – verschafft hatte. Haydn war über diese Wiener Ausgaben wenig erfreut, stand doch zu befürchten, dass ihn das Vorgehen Artarias in Schwierigkeiten gegenüber seinen Pariser Auftraggebern bringen würde. Als diese jedoch ausblieben, stimmte er der Vergabe der Druckrechte auch noch an die zwei Londoner Verleger Forster und Longman & Broderip zu.


Anmerkungen

[1] In dem am 1. Januar 1779 abgeschlossenen revidierten Dienstvertrag ist sie nicht mehr enthalten.

[2] Brief an Artaria vom 27. Mai 1781.

[3] Le Gros (1739-1793) war bis 1783 als Sänger tätig und trat als solcher auch in Opern von Gluck und Piccini auf, außerdem leitete er von 1777 bis 1790 die Concerts Spirituels und ab 1780 die Concerts de la Loge Olympique.

[4] Die in der Literatur zu den Sinfonien oft geäußerte Meinung, die Titel seien den Sinfonien vom Pariser Publikum gegeben worden und sprächen so für ihre Beliebtheit, ist nicht haltbar. Sie stammen ausnahmslos erst aus dem frühen 19. Jahrhundert, vgl. dazu und generell zur Problematik der Betitelung von Haydns Sinfonien Horst Walter, Über Haydns „charakteristische“ Sinfonien, in: Das symphonische Werk Joseph Haydns, Eisenstadt 2000, S. 65-78.

[5] Der Herausgeber der ersten Gesamtausgabe, Eusebius Mandyczewski, datierte die Sinfonien 83 und 87 wie auch die übrigen in das Jahr 1786 und ordnete die Werke entsprechend an. Nachdem aber Jens Peter Larsen die Autographe beider Sinfonien in der Pariser Bibliothéque Nationale auffand. ergab sich für sie eine frühere Entstehungszeit im Jahre 1785. Die Reihenfolge der sechs Sinfonien bedarf mithin einer Korrektur. Haydn bezeichnete in einem Brief an den Wiener Verleger Artaria vom 2. August 1787 folgende Reihenfolge als authentisch: Nr. 6 (87), 4 (85), 2 (83), 3 (84), 5 (86), 1 (82).

[6] Da eine Flöte seit 1779 zur Standartbesetzung der Haydnschen Sinfonien gehört, wird auf ihre Angabe von nun an verzichtet.