Die Sinfonien der Jahre 1773-1784
► Einzelne Sinfonien ► Sinfonie 81, G-Dur

Vivace – Andante – Menuetto Allegretto – Finale Allegro, ma non troppo

Auch der erste Satz der etwa zu gleicher Zeit wie die Sinfonie 80 entstandenen Sinfonie 81 weist Besonderheiten auf, die gänzlich außerhalb des Normalen liegen. Ungewöhnlich ist schon die Einführung des Themas: nach einem einleitenden Forte-Akkord des gesamten Orchesters werden drei leere Takte nur mit „Trommelbässen“ des Violoncellos auf dem unablässig wiederholten Grundton g gefüllt, im dritten Takt legt sich, von der zweiten Violine lang gehalten, die kleine Septime f darüber – dies alles ist Vorbereitung auf das im vierten Takt endlich eintretende Thema, das nach drei Vorhalten in eine vorwiegend in Achteln verlaufende Kantilene übergeht, die im 12. Takt auf der Dominante ihren Abschluss findet.

Nb 5.33: Sinfonie 81, 1. Satz, Anfang
Sinfonie 81, 1. Satz, Anfang

Dieser ganze Vorgang wird ohne wesentliche Veränderungen wiederholt, jetzt aber nach dem Grundton g kadenzierend, und es schließt sich unmittelbar ein Abschnitt an, der in keinerlei erkennbaren Zusammenhang mit dem Vorhergehenden steht, sondern in Dynamik wie Faktur einen scharfen Kontrast bildet (Nb 5.34 a).

Nachdem dieses Motiv etwa 20 Takte hindurch intensiv verarbeitet wurde, erfolgt wieder ein jäher Wechsel zu einer neuen motivischen Bildung, einem punktierten Quart- bzw. Terzmotiv mit anschließender über eine Oktave fallenden Tonleiter (Nb 5.34 b). An dieses schließt sich das Seitenthema (Nb 5.34 c) an und danach beendet eine kurze Schlussgruppe diese wegen der übergangslosen Aneinanderreihung in keiner Weise miteinander zusammenhängender oder auseinander entwickelter Abschnitte sehr merkwürdige Exposition.

Nb 5.34: Sinfonie 81, 1. Satz
a) T. 24-39 (1. Viol.)
Sinfonie 81, 1. Satz, T. 24-39 (1. Viol.)
b) T. 42-45 (Streicher)
Sinfonie 81, 1. Satz, T. 42-45 (Streicher)
c) T. 51-58 (1. Violine, Seitenthema)
Sinfonie 81, 1. Satz, T. 51-58 (1. Violine, Seitenthema)

Indessen ergibt ein Blick auf die Durchführung – sie ist die kürzeste unter allen Sinfonien dieses Zeitraums [42] - dass diese ihr Material ausschließlich aus den „unthematischen“ Abschnitten der Exposition bezieht, abgesehen von einer ganz kurzen und vagen Erinnerung an das Thema und dessen so sehr besondere Einführung über unablässig wiederholten Achteln (T. 73-79). Ist dieser Verzicht auf jede Verarbeitung des Themas in der Durchführung schon merkwürdig genug, so erweist sich der Eintritt der Reprise erst recht als völlig ungewöhnlich. Denn von einer einigermaßen klaren und deutlich erkennbaren Wiederaufnahme des Themas kann keineswegs die Rede sein, und nicht einmal der Punkt, an dem mit dem Eintritt der Grundtonart G-Dur die Reprise definitiv beginnt, lässt sich genau bestimmen. Zwar kündigt sich das Thema an durch die Achtelrepetitionen in den Bratschen und Bässen – auf dem Ton e – und den zu ihnen in einem dissonierenden Spannungsverhältnis stehenden ausgehaltenen Ton der zweiten Violine – diesmal ist es nicht die kleine Septime, sondern der Tritonus b. Die danach einsetzende erste Violine führt das Thema jedoch in stark veränderter Gestalt ein: bei dem einleitenden Vorhaltsmotiv ist der Auftakt eliminiert, und danach kommt es nach einer dreitaktigen, wieder mit Achtelrepetitionen angefüllten Unterbrechung zu einem Einschub, in dem das Vorhaltsmotiv in sehr konzentrierter Form und kompaktem Satz sechs Takte lang verarbeitet und umgebildet wird. Erst danach folgt der kantable zweite Teil des Themas, gegenüber der Exposition satztechnisch nur wenig verändert: lediglich auf die unruhige Begleitung durch Tonwiederholungen im Violoncello wird verzichtet.

Nb 5.35: Sinfonie 81, 1. Satz, T. 94-110 (Eintritt der Reprise)
Sinfonie 81, 1. Satz, T. 94-110 (Eintritt der Reprise)

Nach diesem in der gesamten sinfonischen Literatur der Klassik wohl absolut singulären Repriseneintritt geht der Satz annähernd regelgemäß zu Ende. Dennoch hält er noch immer eine Überraschung bereit. Als wolle Haydn den Hörer dafür entschädigen, dass ihm das Thema so lange hartnäckig vorenthalten wurde, fügt er am Schluss einen Anhang an, in dem die ersten Takte des Satzes, das gesamte Thema einschließlich der einführenden Takte, noch einmal in kaum veränderter Gestalt zitiert werden, bevor der Satz mit einer schlichten Kadenz im Pianissimo schließt. Die Nähe dieses Satzschlusses zu dem der Sinfonie 80 mit ihrem Zitat des „Menuetts“ ist kaum zu übersehen.

Der langsame Satz besteht aus einer Reihe von vier Variationen über ein schlichtes Thema im Sechsachteltakt. Die zweite Variation ist ein Minore; in ihm wird das Thema stärker verändert als in den anderen Variationen, in denen seine Konturen umspielt werden, aber grundsätzlich erkennbar bleiben. In der letzten Variation bleibt die Melodie völlig unverändert Auf eine abschließende Coda wird verzichtet.

Die beiden das Werk abschließenden Sätze zeigen keine auffälligen Besonderheiten. Bei dem Menuett ist die übliche Wiederkehr des Anfangsteils stark verändert und außerdem ein mit zehn Takten verhältnismäßig ausgedehnter codaartiger Schlussteil angefügt. Ein ähnliches Bild bietet das Trio, bei dem dieser Schlussteil überraschend nach Moll eingedunkelt ist. Das Finale hat Sonatenhauptsatzform ohne Seitenthema und mit klarer Reprise; er verläuft weitgehend der Regel entsprechend.


Anmerkungen

[42] Die Durchführung hat mit nur 33 Takten weniger als die halbe Länge von Exposition (67 T.) und Reprise (79 T.).