Die Sinfonien der Jahre 1773-1784
► Einzelne Sinfonien ► Sinfonie 80, d-Moll

Allegro spiritoso – Adagio – Menuetto – Finale Presto

In der in d-Moll zumindest beginnenden Sinfonie 80 ist schon der Anfang des ersten Satzes, die Themenaufstellung, merkwürdig. Es liegt nahe, den kraftvoll aufwärts strebenden Viertelgang der zweiten Violine und der Bässe als Thema anzusehen (Nb 5.1). Ein klar und eindeutig geprägtes Thema jedoch ist dies nicht, seine intervallische Struktur bleibt merkwürdig variabel, es wird nicht durch eine präzis bestimmbare Intervallfolge definiert, sondern allein durch seinen Charakter als gleichmäßiges Schreiten in Vierteln. Als Konstante bei allen Erscheinungen des Themas bleibt deshalb eigentlich nur die diatonische Dreitonfolge des ersten Taktes erkennbar. Schon bei seinem Auftreten inmitten der Durchführung wird die Gestalt des wieder in den Bässen eintretenden Themas durch die darüberliegenden, ganz anders strukturierten Stimmen der Bläser und übrigen Streicher erheblich verunklart, und beim Eintritt der Reprise, der wohl mit Takt 127 anzusetzen ist, bleibt vom Thema nur noch das dreitönige Anfangsmotiv erhalten: es erscheint jetzt in der ersten Violine und in Umkehrung in den Bässen.

Nb 5.28: Sinfonie 80, 1. Satz, T. 128-135
Sinfonie 80, 1. Satz, T. 128-135

Nach der Einführung des Themas und seiner veränderten Wiederholung in der Exposition wird daraus, unter Beibehaltung des dreitönigen Kopfmotivs, ein neues thematisches Gebilde in F-Dur abgeleitet, mit einem dreimal hintereinander mit sforzato-Akzenten nachdrücklich eingeführten Achtelmotiv, dessen Quintfall sich im weiteren Verlauf zu einer Kette von fallenden Sekundmotiven verdichtet. Die Funktion dieses Gebildes im Satzganzen ist schwer zu bestimmen: handelt es sich um ein allerdings überraschend früh eingeführtes und eigentlich untypisches Seitenthema?

Nb 5.29: Sinfonie 80, 1. Satz, T. 25-32
Sinfonie 80, 1. Satz, T. 25-32

Nach acht Takten wird dieses relativ prägnante Gebilde jedoch schon wieder aufgegeben; über einen verminderten Septakkord wird für kurze Zeit der f-Moll-Bereich angesteuert und die Exposition verläuft über einen größeren Abschnitt ohne prägnante Thematik, in mehr oder weniger gängigen Formeln. Mit einem kadenzierenden F-Dur-Akkord schließt dieser Teil ab und danach geschieht etwas gänzlich Unerwartetes: ohne jeden erkennbaren Zusammenhang mit dem Vorhergehenden erklingt, gleichsam als Anhang, eine schlichte Melodie, ganz naiv anmutend, in denkbar einfacher Faktur mit nachschlagender Begleitung. Ihr menuett- oder ländlerartiger Charakter ist unverkennbar; dass es sich jedoch nicht um die achttaktige Periode eines Tanzsatzes handeln kann, wird dem Hörer durch die raffinierte metrische Verkürzung des Nachsatzes auf drei Takte deutlich gemacht: der anfängliche Eindruck, es werde ein Tanz zitierend eingefügt, wird dadurch unterlaufen und erweist sich als falsch.

Nb 5.30: Sinfonie 80, 1.Satz, T.25-33
Sinfonie 80, 1.Satz, T.25-33

Mit diesem siebentaktigen Anhang – der Einfachheit halber sei er künftig als “Menuett” bezeichnet – schließt die Exposition.

Die Durchführung hält neue Überraschungen bereit. Zunächst beginnt sie mit einer sehr langen Generalpause von zwei ganzen Takten: danach erklingt noch zweimal hintereinander das „Menuett“, das erste Mal, sehr ungewöhnlich, in Des-Dur, der Untermediante von F-Dur, danach in Es-Dur. Die Melodie des Menuetts ist gegenüber seinem ersten Erscheinen am Ende der Exposition unverändert, die Begleitung jedoch differiert: die Unterstimmen akzentuieren jetzt nur noch den Taktschwerpunkt mit jeweils einem Akkord, die nachschlagenden Viertel der 2. Violine und Viola entfallen. Die Überleitung zwischen den beiden „Auftritten“ wird durch einen auf- und abwärts gerichteten Septakkord der ersten Violine geschaffen, der deutlich als eine Entsprechung zu dem ebenfalls eine Modulation vermittelnden verminderten Septakkord in der Exposition (T. 33/34) erscheint. Beim zweiten Auftritt des Menuetts in Es-Dur bleibt allerdings nur noch der erste viertaktige Halbsatz unverändert; anstelle des zweiten, wie oben dargelegt ohnehin unregelmäßigen, wird das punktierte auftaktige Achtelmotiv aus dem Vordersatz im Wechsel zwischen den beiden Violinen einerseits und Bratschen und Bässen andererseits auf verschiedenen Stufen insgesamt elfmal wiederholt, wobei zu den Bässen die beiden Oboen in Gegenbewegung hinzutreten. Auf diese Weise wird modulierend zu einem Mittelteil der Durchführung übergeleitet, worin das Thema in stark veränderter Gestalt aufgegriffen und 17 Takte hindurch verarbeitet wird. Dann bricht auch dieser Ansatz zu einer thematischen Entwicklung ab und es erklingt erneut zweimal das Menuett, diesmal wieder mit nachschlagender Begleitung, in A- und F-Dur. Wieder wird der Nachsatz beim zweiten Auftreten motivisch aufgelöst. Er leitet zur Reprise über, die weitgehend analog zur Exposition verläuft, abgesehen von der erneut veränderten Gestalt des Themas (Nb 5.1). Der aus ihm entwickelte, vielleicht als Seitenthema fungierende Nebengedanke (Nb 5.35) tritt nun in D-Dur ein, und diese Tonart bleibt dem Satz bis zu seinem Schluss erhalten. Er endet, wie die Exposition, mit dem unveränderten Menuett, dessen Nachsatz durch Hinzufügung eines Taktgliedes jetzt erstmals auf vier Takte erweitert und damit „in Ordnung gebracht“ ist. Dem Hörer aber bleibt es überlassen, ob er diesen rätselhaften Satz als scherzhaftes Spiel mit einem beinahe trivialen fremden Element oder als interessantes Experiment, als Versuch der Zusammenfügung gänzlich heterogener Elemente zur Einheit eines Satzes, ansehen will.

Der langsame Satz ist an der Sonatenhauptsatzform orientiert: innerhalb dieses formalen Rahmens ist sein formaler Ablauf jedoch sehr ungewöhnlich und bedarf einer genaueren Darlegung. Nicht weniger als drei sehr unterschiedliche thematische Gebilde spielen in ihm eine prägende Rolle. Der Satz beginnt piano mit einem ausdrucksvollen, kleingliedrigen, besonders im zweiten Teil stark von fallenden Sekundmotiven durchsetzten Thema (Nb 5.37a), dem nach einer nur wenig modifizierten Wiederholung und zwei Überleitungstakten ein großräumigeres zweites Thema entgegengestellt wird, das in der Dominanttonart F-Dur beginnt und nach C-Dur moduliert (Nb 5.37 b). An dieses schließt sich eine Überleitung (T.25 ff.) an, die mit ihren punktierten, im Wechsel zwischen Streichern und Bläsern aufstrebenden Sechzehntelfiguren einen starken, aktivierenden Kontrast zur lyrischen Kantabilität des zweiten Themas darstellt und sich zu einem dritten thematischen Gebilde verfestigt, das sein Gepräge vor allem durch eine stets zweimal hintereinander auftretende Sechzehntelfigur erhält (Nb 5.37 c), in der die in der Überleitung in den Satz eingebrachte Aktivität gleichsam auf engstem Raum verdichtet wird. Dieser dritte thematische Gedanke wird zweimal hintereinander imitatorisch verarbeitet, zuerst von der ersten Violine und den Bässen, dann von den beiden Violinen, und schließt danach mit einer kadenzierenden Wendung die Exposition ab.

Nb 5.31: Sinfonie 80, 2. Satz
a) T. 1-8 (1. Violine)
Sinfonie 80, 2. Satz, T. 1-8 (1. Violine)
b) T. 19-24 (1. Violine und Flöte)
Sinfonie 80, 2. Satz, T. 19-24 (1. Violine und Flöte)
c) T. 30-33
Sinfonie 80, 2. Satz, T. 30-33

In der verhältnismäßig kurzen Durchführung werden alle drei in der Exposition aufgestellten thematischen Gebilde verarbeitet, wenn auch in stark modifizierter Gestalt und radikaler Verkürzung. Sie beginnt mit dem Eingangsthema, das jetzt nach b-Moll transponiert ist und schon nach nur vier Takten unmittelbar in das dritte Thema übergeht. Auch dieses erklingt nur fünf Takte lang und endet auf zwei Fermatenakkorden, die mit Vorhalts-Quartsextakkord nach G-Dur kadenzieren. Wiederum ohne jeden Übergang schließt sich, mit plötzlicher Eintrübung nach g-Moll, das zweite Thema an, das nach vier Takten abbricht (T.48). Danach wird noch einmal auf die punktierte Sechzehntel-Motivik zurückgegriffen, die in der Exposition den Übergang vom zweiten zum dritten Thema vermittelte. Sie leitet über acht Takte hinweg – angesichts der Kürze des Durchführung und der radikalen Verknappung der Themen in ihr eine beachtliche Länge – zur Reprise über.

Auch diese, gegenüber der Exposition um etwa ein Drittel verkürzt, entspricht in keiner Weise der formalen Norm. Das erste Thema erscheint nur einmal, das zweite, lyrisch ausschwingende Thema fehlt ganz, vielmehr schließt sich mit einer kurzen Überleitung sofort das dritte Thema mit dem charakteristischen Sechzehntelmotiv an. Dieses wird relativ breit – zehn Takte hindurch – ausgesponnen und beendet diesen Satz, dessen Besonderheit in der für einen langsamen Sinfoniesatz ganz untypischen Fülle unterschiedlichster, gegeneinander stark kontrastierender Elemente besteht.

Ungewöhnliche Züge – wie alles in dieser merkwürdigen Sinfonie – zeigt auch das Menuett insofern, als es in seinem zweiten Teil auf die abschließende reprisenartige Wiederaufnahme des Anfangs verzichtet. Das Trio, in D-Dur, ist dagegen regelhaft gebaut; es erhält seinen Charakter durch eine engräumige, nicht weniger als acht Viertel lang auf einem Ton verharrenden Melodie, die von der durch Oboe und Horn verstärkten ersten Violine, begleitet von triolischen Dreiklangsfiguren der zweiten Violinen und der Viola, vorgetragen wird.

Das Finale hat Sonatenhauptsatzform mit einem Thema, das durchgängig von Synkopen geprägt wird.

Nb 5.32: Sinfonie 80, Finale, Anfang
Sinfonie 80, Finale, Anfang

Abgesehen von einer kurzen Episode, in der die beiden Oboen ein wenig profiliertes Seitenthema einführen (T. 72 ff.), ist der gesamte Satz von unablässigen Synkopierungen beherrscht, die ihm einen ungestüm-drängenden Charakter verleihen. Man könnte die Darstellung und Erprobung der Synkope in all ihren Möglichkeiten als den eigentlichen Inhalt dieses in Haydns Werk beispiellosen Schlusssatzes ansehen.