Die Sinfonien der Jahre 1773-1784
► Einzelne Sinfonien ► Sinfonie 55, Es-Dur (Der Schulmeister)

Allegro di molto – Adagio, ma semplice – Menuetto – Finale Presto

Der erste Satz dieser Sinfonie, die aus unerfindlichen Gründen im 19. Jahrhundert den Beinamen “Der Schulmeister” erhielt, wird mit einem Kontrastthema eröffnet, das jedoch auf ungewöhnliche Weise eingeführt wird: auf die energische zweitaktige Eröffnung durch das gesamte Orchester mit dem dreimal nachdrücklich wiederholten Es-Dur-Akkord antworten die Streicher mit dem besänftigenden kantablen Thementeil, der jedoch schon nach vier Takten durch ein neues, jetzt acht Takte umfassendes und nach der Dominante modulierendes Tutti des Orchesters unterbrochen wird, auf das dann, nach einem behutsam hingetupften Pianissimo-Einschub der beiden Violinen, der auf eine reguläre achttaktige Periode erweiterte Kontrastteil des Themas mit einer abschließenden Kadenz nach der Tonika folgt. Erst nach 22 Takten ist damit die Aufstellung des Themas beendet, ein überleitender Forte-Abschnitt moduliert nach der Dominant-Ebene, auf der das von den Streichern allein vorgetragene Seitenthema erscheint. Nach dessen Einführung geht die Exposition rasch zu Ende.

Nb 5.25: Sinfonie 55, 1. Satz, Anfang
Sinfonie 55, 1. Satz, Anfang

Die verhältnismäßig ausgedehnte Durchführung [40] wird mit dem nach G-Dur versetzten Thema eröffnet, dessen zweiter Teil sequenzierend ausgeweitet und nochmals mit dem Themenkopf konfrontiert wird, bevor plötzlich ein im Dreiklang energisch nach oben aufschießendes, gezacktes Motiv eingeführt wird, das bereits in den letzten Takten der Exposition unvermittelt auftauchte und nun, durch die synkopierten Begleitakkorde der zweiten Violinen im Ausdruck geschärft, im weiteren Verlauf der Durchführung eine gewichtige Rolle spielt.

Nb 5.26: Sinfonie 55, 1. Satz, T. 84-89
Sinfonie 55, 1. Satz, T. 84-89

Aber auch das unveränderte Thema erscheint nochmals in der Durchführung, in Gestalt einer Scheinreprise (T. 97- 102), und ebenso das Seitenthema (T. 125 ff.), aus dessen Nachsatz ein Achtelmotiv in mehrfacher Wiederholung und Umbildung als Überleitung zur Reprise benutzt wird. Diese entspricht in ihrem Verlauf weitgehend der Exposition; stärker verändert ist lediglich der kantable Teil des Themas bei seinem zweiten Auftreten (T. 164 ff.).

Der zweite Satz bringt fünf Variationen über ein einfaches, von den Violinen unisono und con sordino in einem sehr sparsamen Satz eingeführtes Thema. Bemerkenswert ist, dass die beiden achttaktigen Perioden, aus denen es besteht, jeweils schon unmittelbar nach ihrer Aufstellung, anstatt einer sonst üblichen notengetreuen Wiederholung, mit Sechzehntel- und Zweiunddreissigstel-Figuren umspielend ausgeziert werden. In der ersten Variation, in der erstmal in diesem Satz auch die Bläser klangverstärkend einbezogen sind, wird dann das Thema in Zweitaktgruppen zerlegt, deren zwischen Piano und Forte pendelnder Wechsel die gesamte Variation hindurch beibehalten wird. Die zweite Variation greift das im Thema angelegte Prinzip der ausgezierten Wiederholung jedes einzelnen Halbsatzes wieder auf und intensiviert es. Diese wie auch die folgende dritte und vierte Variation beschäftigen ausschließlich die Streicher in einen äußerst durchsichtigen, über weite Strecken hin nur zweistimmigen Satz. Erst die den Satz beschließende fünfte Variation setzt wieder das gesamte Orchester ein.

Der erste Teil des Menuetts konfrontiert einen energisch-ausgreifenden viertaktigen Vordersatz mit einem ebenso langen melodisch wie dynamisch kontrastierenden Nachsatz, und in dem anschließenden, mit 20 Takten relativ ausgedehnten Mittelteil, wird eine schon im ersten Takt eingeführte Sechzehntel-Doppelschlagfigur zu einem trillerartigen Wechselnotenmotiv umgeformt und intensiv durchführungsartig verarbeitet. Das Trio wird durchgängig von den beiden Violinen und einem Solo-Violoncello bestritten, wobei sich das Violoncello in unablässiger Achtelbewegung ergeht. Wahrscheinlich war diese Besonderheit – gedeutet als Parodie auf die unermüdliche Beredsamkeit eines Schulmeisters - der Anlass für die sonst kaum erklärliche Betitelung der Sinfonie.

Auch das Finale ist ein Variationssatz: die Sinfonie gehört also zu den wenigen Werken Haydns, die zwei Variationssätze aufweisen. Das sehr einprägsame, aus einem einzigen knappen Motiv entwickelte Thema hat gleichwohl den Charakter eines typischen Finalthemas.

Nb 5.27: Sinfonie 55, 4. Satz, Thema
Sinfonie 55, 4. Satz, Thema

Von den fünf Variationen sind besonders zwei bemerkenswert: die erste, weil sie auf eine reine Bläserbesetzung (zwei Oboen, Fagott, zwei Hörner) beschränkt ist [41], die vierte, weil sie den ersten Teil des Themas, gleichsam anstatt eines Minore, in die entfernte Tonart Ges-Dur versetzt und im zweiten nach der Grundtonart Es-Dur zurückmoduliert. Nach der fünften Variation klingt in einer kurzen Coda nochmals das unveränderte Thema an.


Anmerkungen

[42] Die Durchführung ist erheblich länger als die rahmenden Teile Exposition und Reprise, die beide die gleiche Taktzahl aufweisen; sie umfasst mit 84 Takten 38,8% des gesamten Satzes.

[43] Das Fagott kommt merkwürdigerweise nur an dieser Stelle vor.