Die Sinfonien der Jahre 1773 – 1784
► Die Finalsätze

Schon ein nur oberflächlicher Blick auf die Finalsätze der in diesem Kapitel behandelten Sinfonien lässt erkennen, dass Haydn jetzt noch energischer als zuvor bemüht ist, ihnen größeres Gewicht zu verleihen. Kaum begegnen noch Sinfonien, in denen der Schlusssatz lediglich den Charakter eines harmlos-fröhlichen Kehraus hat, vielmehr zeigt sich deutlich die Tendenz, ihn dem Kopfsatz anzunähern, so weit dies unter Wahrung seines spezifischen Charakters und seiner Funktion als konfliktlösender Abschluss des sinfonischen Zyklus möglich ist. Deutlich wird dies einmal an der größeren Ausdehnung: die meisten Schlusssätze dauern erheblich länger als die der vorhergehenden Sinfonien, zum anderen aber auch an der gediegeneren, kunstvolleren Faktur. Nur selten sind jetzt noch gravierende Unterschiede hinsichtlich der Satzstruktur zwischen den ersten und letzten Sätzen auszumachen.

Wohl das deutlichste Indiz für diese Annäherung an den Kopfsatz ist das Auftreten eines Seitenthemas in beinahe allen Sätzen, die dem Formgrundriss des Sonatenhauptsatzes folgen [38]. War das Fehlen eines solchen in den Finalsätzen der meisten frühen Sinfonien der Grund, weshalb dort von einer verkürzten Sonatenform gesprochen wurde, so ist eine solche einschränkende Bezeichnung nun keinesfalls mehr gerechtfertigt, zumal auch die Durchführung ihren bloßen Überleitungscharakter verloren und an Gewicht und Bedeutung wesentlich gewonnen hat. Sie ist zu einem gleichgewichtigen Formteil zwischen Exposition und Reprise geworden.

Wie in den Kopfsätzen sind auch in den Schlusssätzen die Hauptthemen überwiegend periodisch angelegt, Kontrastthemen sind selten, was sich wohl daraus erklärt, dass der Aufbau stärkerer Kontraste in den konfliktlösenden Schlusssätzen nicht am Platze wäre. Die Reprise ist – und auch dies entspricht dem Befund bei den Kopfsätzen – meist leicht verkürzt. Über die gesamte Durchführung oder gar den ganzen Satz sich erstreckende thematische Arbeit findet sich kaum, doch werden das Thema oder einzelne seiner Motive häufig zu Beginn der Durchführung umgeformt oder in eine fremde Tonart versetzt, bevor dann nach etwa acht bis zehn Takten das vollständige Thema in der Dominanttonart erklingt. Ein charakteristisches Beispiel bietet die Sinfonie 76, deren Thema zu Beginn der Durchführung regelrecht zerlegt wird, wobei eine absteigende Dreitongruppe herauspräpariert und mehrfach nachdrücklich akzentuiert wird. Auf eine nachfolgende vollständige Einführung des Themas in die Durchführung wird verzichtet; lediglich sein Kopfmotiv erscheint mehrmals verdeckt in der zweiten Violine.

Nb 5.22: Sinfonie 76, 4. Satz
a) Thema
Sinfonie 76, 4. Satz, Thema
b) Beginn der Durchführung (T.61-69)
Sinfonie 76, 4. Satz, Beginn der Durchführung (T.61-69)

Sehr merkwürdig erscheint der Durchführungsbeginn auch im Finale der Sinfonie 71. Nachdem die Exposition mit einem F-Dur-Akkord geschlossen hatte, setzt die Durchführung überraschend auf der Untermediante Des-Dur ein: die folgenden acht Takte werden anschließend in es-Moll wiederholt. Im Autograf steht zu Beginn der Durchführung die rätselhafte Bemerkung „per licentiam“ (in einer Wiener Handschrift: „con permissione“), mit der Haydn möglicherweise scherzhaft um Entschuldigung für diese in jener Zeit noch ungewohnte harmonische Wendung bitten wollte.

Nb 5.23: Sinfonie 71, 4. Satz, Beginn der Durchführung (T. 56 ff.)
Sinfonie 71, 4. Satz, Beginn der Durchführung (T. 56 ff.)

Ganz singulär ist der Finalsatz der Sinfonie 67: er verzichtet völlig auf eine Durchführung und fügt stattdessen zwischen Exposition und Reprise, die einander weitgehend entsprechen, einen ausgedehnten langsamen Satz (Adagio e cantabile) ein, der in keiner erkennbaren motivischen Beziehung zu den ihn umrahmenden Teilen und auch nicht zum vorhergehenden langsamen Satz steht. Ausgeführt zunächst von einem Solo-Streichtrio, dann vom gesamten Orchester, stellt er in seiner ungewöhnlichen Innigkeit und Ausdruckstiefe einen starken Gegensatz zu den fröhlich-unbekümmerten übrigen Satzteilen dar und weckt die Erinnerung an die sog. „Abschiedssinfonie“ des Jahres 1772, in deren Finale nach dem einleitenden raschen Teil eine ähnlich zart-resignative Stimmung sich ausbreitet. Durch diesen Einschub wird dieses Finale zum ausgedehntesten und gewichtigsten Satz der gesamten Sinfonie.

Die bisher besprochenen Finale folgen alle dem Grundriss der Sonatenhauptsatzform. Zu dieser bis in die frühen siebziger Jahre in Haydns Sinfonien für die Schlusssätze absolut verbindlichen Form tritt nun in den siebziger und frühen achtziger Jahren die Variationsform hinzu. Sie wird von Haydn offenbar sehr bewusst auf ihre Eignung hin erprobt, den sinfonischen Zyklus zu beschließen: sieben, also etwa ein Viertel der zwischen 1773 und 1784 entstandenen Sinfonien, werden mit einem Variationssatz abgeschlossen [39]. Dabei ist die Abfolge der Variationen oft frei: in der Regel folgen vier, höchstens fünf Variationen, darunter eine in Moll, aufeinander; danach beschließt eine kurze Coda den Satz. In den Schlusssätzen der Sinfonien 68 und 79 wird das Thema mehrmals unverändert wiederholt, was als eine Annäherung an die Rondoform angesehen werden kann.

Schließlich ist bemerkenswert, dass Haydn Ende der siebziger Jahre noch einmal eine Sinfonie mit einer Fuge abgeschlossen hat und sich damit wohl an die Versuche erinnert, die er rund 20 Jahre zuvor unternommen hatte. Die Frage nach der grundsätzlichen Eignung der Fugenform als Abschluss des sinfonischen Zyklus war für ihn damals wahrscheinlich noch unbeantwortet geblieben: deshalb ging er in der im Dezember 1779 komponierten Sinfonie 70 dieses Problem noch einmal an. In den Mittelpunkt des Finale dieser Sinfonie stellte er eine Tripelfuge: sie wird eröffnet von einer sehr locker gefügten Einleitung, in der sich eines der Fugen "soggetti" – charakterisiert durch die fünfmalige Tonwiederholung zu Beginn – bereits ankündigt. Am Schluss des Satzes wird dies Einleitung verkürzt wiederholt; sie dient also als Rahmen, in den die Tripelfuge eingefügt ist.

Nb 5.24: Sinfonie 70, 4. Satz, T. 27-45 (Exposition der Tripelfuge)
Sinfonie 70, 4. Satz, T. 27-45 (Exposition der Tripelfuge)

Anmerkungen

[38] Von den 17 Schlusssätzen in Sonatenhauptsatzform haben nur fünf (Sinfonien 50, 65, 76, 77, 81) kein Seitenthema. In Sinfonie 62 wird das Seitenthema in der Durchführung ausgiebig verarbeitet, in Sinfonie 52 wird diese mit ihm eröffnet. In Sinfonie 74 ist das Seitenthema in der Reprise verändert.

[39] Sinfonie 51, 55, 66, 75, 78, 79