Die Sinfonien der Jahre 1773 – 1784
► Die Menuette

Die Menuette in den Sinfonien der siebziger und frühen achtziger Jahren weisen gegenüber denen der vorhergehenden Schaffensperiode keine grundsätzlich neuen Merkmale auf, und die Tendenzen, die sich in den Sinfonien der Zeit um 1770 zeigten, setzen sich auch in ihnen fort: immer stärker sucht Haydn die Schematik des Tanzsatzes aufzulockern und den Satz in Richtung Charakterstück hin zu entwickeln. Schon äußerlich wird dies daran sichtbar, dass zunehmend durch eine zuvor beim Menuett eigentlich nicht übliche Tempovorschrift eine Beschleunigung des Tempos gefordert wird: fast die Hälfte aller Menuette hat die Überschrift Allegretto [31], einmal begegnet sogar die Tempovorschrift Allegro [32].

Veränderungen zeigen sich auch hinsichtlich der Form, die beim Menuett bekanntermaßen weitgehend festliegt und deshalb nur wenige Modifikationen erlaubt: auf einen meist achttaktigen, seltener zehn- oder zwölftaktigen ersten Teil folgt ein etwa ebenso langer Mittelteil, in dem ein oder mehrere Motive des ersten Teils frei verarbeitet werden, und auf diesen eine genaue oder höchstens leicht veränderte Wiederholung des ersten Teils. Ein Überblick über die Sinfonien der siebziger Jahre zeigt nun sehr deutlich, dass Haydn bestrebt ist, die Form des Menuetts der Sonatenhauptsatzform anzunähern, indem er den Mittelteil als eine kurze und konzise Durchführung gestaltet. Symptomatisch ist dafür, dass in einigen Menuetten der Mittelteil weit über das übliche Maß verlängert wird [33].

Das Bemühen, dem Menuett durch Vergrößerung des Umfangs mehr Gewicht zu geben, zeigt sich auch darin, dass dem Satz jetzt häufig ein codaartiger Anhang angefügt wird, der meist noch einmal charakteristische Motive des Menuetts aufgreift und abschließend verarbeitet. Die Länge dieser Anhänge schwankt sehr, sie beträgt mindestens vier Takte, kann aber bis zu 18 Takten gesteigert sein [34]. Einmal – in Sinfonie 70 – ist der Anhang an das Menuett ausdrücklich als „Coda“ bezeichnet.

In einigen Menuetten wird die abschließende Wiederholung des ersten Teil – man könnte sie in Analogie zur Durchführung als Mini-Reprise bezeichnen – leicht verändert [35], um jeweils vier Takte verkürzt (Sinfonie 65) oder erweitert (Sinfonie 66). Stärker verändert ist der Schlußteil im Menuett der Sinfonie 80, bei dem auch bereits die Motivik des Mittelteils von der des Anfangs deutlich verschieden ist.

Die beschriebenen Tendenzen der Annäherung des Menuetts an die Sonatenhauptsatzform finden sich, wenngleich in bescheidenerem Maße, auch in den Trios. Sie sind, wie in den früheren Sinfonien, immer noch der Ort für Besonderheiten und Erprobungen, vor allem hinsichtlich der Instrumentation, aber auch sonst begegnen in ihnen öfter Merkwürdigkeiten. So hat das sehr kurze, nur zweimal acht Takte umfassende Menuett der Sinfonie 51 überraschenderweise zwei Trios: das erste gehört allein den Streichern, das zweite setzt die Bläser selbständig ein, wobei besonders die Hörner solistisch hervortreten. In Sinfonie 50 greift das Trio zu Beginn auf den Anfang des Menuetts zurück, zitiert diesen unisono notengetreu drei Takte lang und findet erst dann nach einer überraschenden Wendung vom C-Dur-Dreiklang nach B und einer zweitaktigen Überleitung zu eigener Motivik.

Nb 5.20: Sinfonie 50, Anfänge von Menuett und Trio (Violine I)
Sinfonie 50, Anfänge von Menuett und Trio (Violine I)
Sinfonie 50, Anfänge von Menuett und Trio (Violine I)

Auch abgesehen von diesem merkwürdigen Anfang fällt dieses Trio aus dem Rahmen des Üblichen heraus: es ist als einziges aller bisherigen Sinfonien nicht zweigeteilt, hat die ungewöhnliche Ausdehnung von 46 Takten, und die Solo-Oboe beschließt es allein im Pianissimo mit einem mehrfach wiederholten gebrochenen fallenden E-Dur-Dreiklang: absolut ungewöhnlich für ein Stück in der Grundtonart C-Dur.

Das Trio der Sinfonie 52 nimmt an seinem Beginn ebenfalls, allerdings nur sehr kurz, auf den Anfang des Menuetts Bezug. Und auch die Bildung eines Anhangs, wie beim Menuett beschrieben, läßt sich gelegentlich beobachten, in außerordentlich ausgeweiteter Form in Sinfonie 81, wo er nicht weniger als 16 Takte umfaßt und durch eine interessante Wendung nach Moll auffällt.

Als eine Kuriosität sei schließlich das ganz merkwürdige Trio der Sinfonie 67 erwähnt, das wohl durch Praktiken volkstümlichen Musizierens angeregt wurde. Es wird durchgängig von nur zwei Soloviolinen mit Dämpfer ausgeführt, wobei Haydn vorschreibt, die tiefste Saite der zweiten Violine von G nach F, dem Grundton des Satzes, herabzustimmen. Er wird den gesamten Satz hindurch festgehalten, wodurch sich eine sehr seltsame, dudelsackartige Wirkung ergibt.

Nb 5.21: Sinfonie 67, Trio des Menuetts
Sinfonie 67, Trio des Menuetts

Damit ist bereits eine instrumentatorische Besonderheit zur Sprache gebracht, wie sie in den Trios zahlreich zu finden sind. Grundsätzlich zu beobachten ist, wie auch schon in den Sinfonien zuvor, die Reduzierung des Instrumentariums gegenüber dem Menuett. Die Beschränkung nur auf die Streicher ist jetzt allerdings selten [36], vielmehr dominiert der solistische Einsatz der Blasinstrumente und ihre Kombination mit den Streichern. Auffällig ist besonders die neue Rolle des Fagotts: Haydn nutzt es häufig, um die Melodik der ersten Violine ein oder zwei Oktaven tiefer in Parallelführung zu verstärken und ihr durch diese Beimischung eine stärkere klangliche Intensität und Rundung zu geben [37]. Dieses Verfahren der Melodieverstärkung in der tieferen Oktave, sei es durch das Fagott oder das Violoncello, begegnet in den siebziger Jahren erstmals häufiger; es wird in den späten Sinfonien zunehmend zu einem Charakteristikum der Instrumentation Haydns werden.

Mehrfach tritt das Fagott gemeinsam mit den Oboen auf, so in Sinfonie 63, wo beide ein Duo in Gestalt eines regelrechten zweistimmigen Satzes bilden, der vom Pizzicato des Streichorchesters ganz sparsam begleitet wird. Ähnlich angelegt ist das Trio in Sinfonie 73: auch hier bilden Oboe und Fagott einen zweistimmigen Satz, der vom Streichorchester jeweils auf dem Taktschwerpunkt mit einem Akkord gestützt wird. Allerdings wird diese Anlage nicht bis zum Schluß durchgehalten: zu Beginn des zweiten Teils treten die zwei Hörner mit einem langen Halteton dazu, und in den letzten acht Takten übernehmen die Streicher die Führung. Ein Duo von Oboe und Fagott ist auch im Trio der Sinfonie 66 das Gerüst des Satzes; doch gehen hier zwar nicht durchgängig, wohl aber über weite Strecken die beiden Violinen mit den Bläsern zusammen, über einem davon unabhängigen Bassfundament, das nur von Violoncelli und Kontrabässen ausgeführt wird, also auf die sonst stets einbezogenen Violen verzichtet.

Das Trio der Sinfonie 71 wird von zwei Soloviolinen unisono bestritten, die vom übrigen Streichorchester pizzicato begleitet werden, und im Trio der Sinfonie 75 musizieren eine Flöte und eine Solovioline gemeinsam unisono, ebenfalls sekundiert vom Streichorchester pizzicato bezw. staccato. In der Sinfonie 64 steht das einzige Trio, in dem zwei Hörner abwechselnd mit zwei Oboen, solistisch über dem begleitenden Streichorchester zu Wort kommen.


Anmerkungen

[31] Sinfonien 52, 54, 57, 61, 62, 70, 73, 75, 76, 78, 79, 81.

[32] Sinfonie 77.

[33] Einen Mittelteil von mindestens doppelter Länge des ersten Teils haben die Menuette in den Sinfonien 54 (18), 55 (20), 57 (16), 61 (22), 71 (18), 78 (16), 79 (16) (in Klammern die Taktzahl).

[34] Einen Anhang haben die Menuette der Sinfonien 52 (18), 53 (18), 54 (4), 55 (4), 57 (14), 61 (12), 68 (6), 70 (14), 78 (4), 81 (10).

[35] Abzusehen ist selbstverständilch von den geringfügigen Änderungen, die sich wegen der am Schluß nötigen Rückleitung zur Tonika zwangsläufig bei jenen Menuetten ergeben, deren erster Teil auf der Dominante endet.

[36] Beschränkung auf das Streichorchester in den Sinfonien 57 und 65; in Sinfonie 55 wird das Trio allein von den zwei Violinen und einem Solo-Violoncello bestritten.

[37] Verdoppelung der ersten Violine durch das Fagott in den Trios der Sinfonien 54, 62, 74 (mit Verzicht auf die Viola!); in Sinfonie 76 Parallelführung von Flöte, Fagott und erster Violine.