Die Sinfonien der Jahre 1773 – 1784
► Die Hauptsätze

Die neue Ausrichtung der Sinfonik Haydns in den Jahren nach 1772 ist wahrscheinlich am deutlichsten ablesbar an den Veränderungen, die an den Themen der Hauptsätze zu beobachten sind. Sie werden zunehmend komplexer, differenzierter, und sind viel stärker als zuvor auf die Möglichkeit zu Verarbeitung einzelner herausgelöster Motive hin erfunden. Reine Dreiklangs- oder Tonleiterthemen wie in der Frühzeit begegnen jetzt nur noch selten. Ein Thema wie das der Sinfonie 53, das sich geradezu exzessiv aus Dreiklangsstrukturen aufbaut – zunächst in den Bässen auf dem D-Dur-, dann in den ersten Violinen auf dem e-Moll Dreiklang - ist sehr selten (vgl. hierzu und zu den nachfolgend erwähnten Themen die Thementafel Nb 5.1). Untypische, weil abwärts gerichtete Dreiklangsthemen, die in der Frühzeit kaum vorkommen, haben die Sinfonien 56, 62 und 70. Selten sind jetzt auch Themen, die aus einem einzigen Motiv und dessen Abwandlungen gebildet sind. Eines der wenigen Beispiele ist das Thema der Sinfonie 60.

Durchgängig wird die Themenbildung weiträumiger, und meist nimmt das Thema den Raum einer achttaktigen Periode ein. Besonders ausgeprägt periodische Themen, die sich deutlich in Vorder- und Nachsatz von je vier Takten gliedern, haben etwa die Sinfonien 73, 77 und 79. Sinfonie 63 bietet ein Beispiel für ein achttaktiges Thema, das nicht in zwei Halbsätze gegliedert ist. Auch die außerordentlich häufigen Kontrastthemen, die ein energisches erstes Glied, fast stets im Forte und häufig unisono, mit einem besänftigenden zweiten im Piano konfrontieren, umfassen meist acht Takte. Nur selten jedoch bestehen die beiden kontrastierenden Glieder aus zwei gleichlangen Viertaktgruppen. Ein solch seltener Fall liegt bei der Sinfonie 52 vor, in deren Thema der kontrastierende Nachsatz allerdings durch keine Zäsur vom Vordersatz getrennt und auch dynamisch von ihm nicht abgesetzt ist. Ein ähnlich weitausgreifend beginnendes Thema hat die Sinfonie 78. Hier wird der dritte Takt plötzlich dynamisch zurückgenommen und leitet so zu dem Kontrastteil im Pianissimo über. In der Regel ist jedoch das eröffnende Motiv wesentlich kürzer als das zweite, es beansprucht fast immer nur zwei Takte, wohingegen der Kontrastgedanke wesentlich länger ausgesponnenen wird. Mit Themen dieser Art werden beispielsweise die Sinfonien 74 und 76 eröffnet. Zuweilen wird, etwa in der Sinfonie 65, der Kontrastgedanke durch Wiederholung einzelner Zweitaktgruppen sogar noch über das Normalmaß der Periode hinaus verlängert [16]. Und das Thema der Sinfonie 56 verdient deshalb besonderes Interesse, weil sich in ihm der Kontrastteil unmittelbar, ohne jede Zäsur, an den zweitaktigen vehementen Dreiklangsabsturz, der das Thema eröffnet, anschließt: selten prallen die Gegensätze im Thema selbst so hart aufeinander wie hier.

Im Zweifel kann man sein, ob es sinnvoll ist, auch dann von einem Kontrastthema zu sprechen, wenn das eröffnende erste Glied auf einen einzigen Forte-Akkord reduziert ist wie in den Sinfonien 61, 66, 69 und 81. Die Sinfonie 61 bietet zudem ein weiteres Beispiel für einen außerordentlich stark erweiterten Kontrastteil. Und von einem „umgekehrten“ Kontrastthema ließe sich sprechen, wo die Dynamik der beiden Teile vertauscht ist, das Thema also mit einem Piano-Glied beginnt, dem ein Forte-Kontrast nachfolgt wie in Sinfonie 50. Ein ähnlicher Fall begegnet in der Sinfonie 75, wo drei Forte-Akkorde in das kantable Thema eingefügt sind.

Recht eigenwillig verfährt Haydn bei der Einführung des Themas in Sinfonie 80: Hier erklingt der erste, sechs Takte umfassende Teil des Kontrastthemas in den Unterstimmen (Bässe, Violen und zweiten Violinen unisono), überlagert von einem langen, in Sechzehntelrepetitionen aufgelösten Halteton der ersten Violine. Erst mit dem nach einer Generalpause folgenden viertaktigen Kontrastteil übernimmt diese die Führung. Und auch in Sinfonie 54 teilen sich zwei verschiedene Instrumentengruppen in die Einführung des Themas: zu den Haltetönen der zwei Hörner lassen die Streicher unisono ein Dreiklangsmotiv erklingen, das viermal wiederholt wird, wobei die Hörner die Zäsuren zwischen diesen Motivwiederholungen melodisch ausfüllen. Ein sehr merkwürdiges Verfahren der Einführung des thematischen Materials begegnet auch in Sinfonie 64. Das Thema beginnt mit einem kantablen Gedanken im Pianissimo und fügt, ähnlich wie in Sinfonie 75, nach zwei Takten vier kontrastierende energische Akkordschläge ein. Gleichzeitig mit diesen erklingt in den Bässen und Violen ein weiteres thematisches Gebilde, das im weiteren Verlauf des Satzes eine wichtige Rolle spielt und somit als wichtiger Bestandteil des Themas anzusehen ist.

Interesse verdienen jene Fälle, in denen das Thema bereits bei der Wiederholung, unmittelbar nach seiner Aufstellung, modifiziert wird. In Sinfonie 65 wird der auf insgesamt acht Takte ausgeweitete zweite Teil des Kontrastthemas bei der Wiederholung und in der Reprise weggelassen, in Sinfonie 70 die ersten zwei Takte des streng periodischen Dreiklangsthemas bei der anschließenden Wiederholung eliminiert. Bedeutsam scheint dies deshalb, weil es zeigt, dass Haydn das Thema nicht mehr als ein unveränderliches Gebilde ansieht, sondern als grundsätzlich modifizierbar, so dass der Prozess der Veränderung und Verarbeitung sofort nach seiner Aufstellung beginnen kann.

Nb 5.1 – Thementafel (Auswahl)
Sinfonie 50, Thema
Sinfonie 52, Thema
Sinfonie 53, Thema
Sinfonie 54, Thema
Sinfonie 56, Thema
Sinfonie 60, Thema
Sinfonie 61, Thema
Sinfonie 63, Thema
Sinfonie 64, Thema
Sinfonie 65, Thema
Sinfonie 70, Thema
Sinfonie 73, Thema
Sinfonie 74, Thema
Sinfonie 75, Thema
Sinfonie 76, Thema
Sinfonie 77, Thema
Sinfonie 78, Thema
Sinfonie 79, Thema
Sinfonie 80, Thema

Im Gegensatz zu den Hauptthemen zeigen die Seitenthemen kaum neue Merkmale, doch ist deutlich zu erkennen, dass ihre Bedeutung für den Aufbau des Satzes zunimmt. Kaum eine Sinfonie kommt nun ohne ein Seitenthema aus [17]. War seine Funktion in den meisten der früheren Sinfonien fast stets eine periphere, wird es nun immer mehr zu einer unverzichtbaren Ergänzung des Hauptthemas, die den Verlauf des Satzes wesentlich mitbestimmt. Es ist bezeichnend für diese neue, gewichtigere Rolle des Seitenthemas, dass es jetzt nicht mehr nur episodisch in Exposition und Reprise kurz auftaucht, sondern mehrfach auch in der Durchführung aufgegriffen und mehr oder weniger intensiv verarbeitet wird, meist kurz vor dem Eintritt der Reprise. In den Sinfonien 52 und 76 wird die Durchführung sogar ausschließlich vom Seitenthema bestritten.

Die Exposition verläuft fast immer ohne Auffälligkeiten, der Regel entsprechend, wohingegen die Durchführungen und auch die Reprisen ein wesentlich differenzierteres Bild mit vielen Abweichungen von der Norm bieten. Am meisten fällt auf, dass etwa jede zweite Durchführung nicht mit dem nach der Dominante transponierten Hauptthema oder einer als solche deutlich erkennbaren Abwandlung beginnt. Die Alternativen dazu sind vielfältig. So beginnt in den Sinfonien 56 und 66 die Durchführung nicht mit dem Themenkopf, sondern mit dem zweiten, kontrastierenden Teil des Themas. In den Sinfonien 52, 61 und 70 erklingt am Anfang der Durchführung das Seitenthema, dem erst nach einigen Takten das Hauptthema folgt. Motive, die am Schluss der Exposition in einer Schlussgruppe erstmals auftraten, eröffnen die Durchführung in den Sinfonien 71, 76 und 80, während in den Sinfonien 74 und 81 an ihrem Beginn jeweils ein Motiv erklingt, das in der Mitte der Exposition vom Komplex des Themas zum Seitenthema überleitete.

In einigen Fällen beginnt die Durchführung mit einem Motiv, das nicht zuvor in der Exposition eingeführt wurde, so in Sinfonie 50, wo das Thema erst nach einem zehn Takte umfassenden Abschnitt mit einem kantablen, seitenthema-artigen Gedanken eintritt, oder in Sinfonie 51, in der die Durchführung mit einem nicht aus dem Thema stammenden fallenden Dreiklangsmotiv beginnt, das die Durchführung fast vollständig beherrscht, so dass hier das Hauptthema in ihr überhaupt nicht verarbeitet wird. Auch in Sinfonie 62 ist es ein Dreiklangsmotiv, das, konfrontiert mit einem kontrastierenden Doppelschlagmotiv, die Durchführung nahezu durchgängig bestreitet: erst neun Takte vor Schluss erscheint ein einziges Mal das Hauptthema. Und auch die Durchführung der Sinfonie 65 wird von einem themenneutralen Gedanken eröffnet und führt erst acht Takte danach den zweiten Teil des Themas ein.

Interessant sind auch jene wenigen Sinfonien, bei denen die Durchführung zwar mit dem Hauptthema beginnt, dieses jedoch sehr stark verändert ist. Ein besonders instruktives Beispiel bietet die Sinfonie 75. Hier sind nur die Konturen des Themas beibehalten, verändert ist insbesondere die Dynamik, die dem Thema durch den akzentuierten Forte-Einsatz und das sofortige Abschwellen zum Piano – ein bei Haydn höchst seltener Vorgang – einen deutlich veränderten Charakter gibt. Diese Modifizierung wird unterstützt durch den geänderten Streichersatz, in dem die Melodie der ersten Violine nicht mehr wie bei der Einführung des Themas mit repetierten Achteln, sondern mit lang gehaltenen Akkorden harmonisch grundiert wird. Und bemerkenswert ist schließlich auch, dass die Bewegungsrichtung der in das Thema eingefügten kontrastierenden Forte-Akkorde umgekehrt ist.

Nb 5.2: Sinfonie 75, 1. Satz
a) Anfang
Sinfonie 75, 1. Satz, Anfang
b) Beginn der Durchführung (T. 69-76)
Sinfonie 75, 1. Satz, Beginn der Durchführung (T. 69-76)

In dieser Gestalt bestreitet das Thema nahezu die gesamte Durchführung und wird intensiv verarbeitet, wobei insbesondere das dreitönige, diatonisch in Vierteln auf- oder absteigende Motiv, das zunächst wie ein fremder Einschub in das Thema erschien, eine große Rolle spielt. Nochmals eine neue Gestalt erhält das Thema, jetzt ohne dieses Motiv, in der auch sonst stark veränderten Reprise. Hier nämlich erscheint es dort, wo man das Seitenthema erwartet (T. 135), zu einem sechstaktigen, völlig „ungestörten“ kantablen Gedanken umgeformt, der imitatorisch verarbeitet wird.

Nb 5.3: Sinfonie 75, 1. Satz, T. 135-148
Sinfonie 75, 1. Satz, T. 135-148

Auf eine höchst originelle Art gestaltet Haydn den Übergang zur Reprise unter freier Verwendung von motivischem Material aus dem Seitenthema in Sinfonie 56. Dabei werden die Takte 3 und 4 mit der dreimaligen Tonwiederholung und dem anschließenden Oktavfall aus dem Seitenthema herausgeschnitten und von der ersten Violine viermal wiederholt, während in der zweiten Violine gleichzeitig der zweite Takt des Seitenthemas mit einem angefügten Dreiklangsaufstieg erklingt: ein wahrscheinlich absolut beispielloses Verfahren.

Nb 5.4: Sinfonie 75, 1. Satz
a) T. 53-62 (Seitenthema)
Sinfonie 75, 1. Satz, T. 53-62 (Seitenthema)
b) T. 154-164 (Überleitung zur Reprise)
Sinfonie 75, 1. Satz, T. 154-164 (Überleitung zur Reprise)

In manchen Durchführungen arbeitet Haydn sehr intensiv mit dem Thema oder aus diesem herausgelösten Motiven, und zuweilen setzt sich diese motivisch-thematische Arbeit auch in der Reprise noch fort. So beherrscht etwa in Sinfonie 54 das themenbestimmende Dreiklangsmotiv (vgl. hierzu und zu den nachfolgend besprochenen Werken Nb 5.1) den Verlauf der Durchführung nahezu vollständig, und in der Reprise wird es in einem achttaktigen Abschnitt, der in der Exposition keine Entsprechung hat, nochmals intensiv verarbeitet (T. 178-185). Sehr dichte thematische Arbeit prägt auch den gesamten ersten Satz der Sinfonie 73. Hier sind die ersten vier Töne des Themas, ein einfaches Dreischlagmotiv, in der Durchführung – und auch bereits in der Exposition – nahezu allgegenwärtig, und in der Reprise wird ihre Verarbeitung noch einmal extrem verdichtet und konzentriert.

Nb 5.5: Sinfonie 73, 1. Satz, T. 121-130
Sinfonie 73, 1. Satz, T. 121-130

In Sinfonie 78 wird gegen Ende der Exposition (T. 55-65) ein ähnliches „Dreischlagsmotiv“ eingeführt wie in Sinfonie 73. Dieses wird in der Durchführung, im fünften Takt nach deren Beginn, wieder aufgegriffen und mit dem markanten Kopf des Hauptthemas zu einem sehr kompakten Satz zusammengefügt, in dem sich auch die Bläser beteiligen: das Hauptthema wird von den Bässen, zweiten und ersten Violinen imitatorisch durchgeführt, dazu erklingt das Dreischlagsmotiv in der Bratsche und die Holzbläser konfrontieren dies alles mit der ebenfalls imitatorisch verarbeiteten Umkehrung des Themenkopfes.

Nb 5.6: Sinfonie 78, 1. Satz, T. 88-94
Sinfonie 78, 1. Satz, T. 88-94

Eine ungewöhnliche Intensität der thematischen Arbeit zeigt auch der erste Satz der Sinfonie 77. Der zweitaktige Kopf des Themas bestimmt weitgehend den Verlauf vor allem der Durchführung, aber das Streben nach motivisch-thematischer Einheit zeigt sich in diesem Satz sehr eindrucksvoll noch in anderer Weise, nämlich in der Ableitung auch des Seitenthemas aus dem Hauptthema. Der Akkord, mit dem dieses beginnt, wird eliminiert, das folgende Motiv durch Verdopplung der Notenwerte vergrößert und die daran anschließenden Tonrepetitionen von drei auf zwei reduziert: aus diesem Material formt Haydn eine achttaktige Periode und fügt diese als Seitenthema in den Satz ein.

Nb 5.7: Sinfonie 77, Seitenthema (T. 41-48)
Sinfonie 77, Seitenthema (T. 41-48)

Auch am Ende der Durchführung führt Haydn dieses Thema nochmals ein. Sein Eintritt, nach einem langen Abschnitt intensiver Verarbeitung ausschließlich des Hauptthemas, geschieht keineswegs beiläufig, sondern fordert durch eine vorangehende Fermaten-Generalpause nachdrücklich die Aufmerksamkeit des Hörers. Danach erklingt die erste achttaktige Periode des Seitenthemas. Anstatt diese aber, wie beim ersten Auftreten in der Exposition, zu wiederholen, unternimmt Haydn den Versuch einer imitatorischen Verarbeitung.

Nb 5.8: Sinfonie 77, T. 41-48
Sinfonie 77, T. 41-48

Auch in der Reprise wird das Seitenthema noch einmal verändert. Nachdem es zweimal in der Originalgestalt erklungen ist, erscheint eine Pianissimo-Episode, die es auf die dreimalige Tonwiederholung reduziert (T. 177-188), und danach wird der Versuch der Polyphonisierung in leicht veränderter Gestalt ein letztes Mal unternommen.

In Sinfonie 65 wird ein nach der zweimaligen Aufstellung des Themas in den Bässen auftretendes, zunächst ganz nebensächlich erscheinendes knappes Sechzehntelmotiv mit zunehmender Intensität verarbeitet.

Nb 5.9: Sinfonie 65, T. 23-29
Sinfonie 65, T. 23-29

In der Durchführung verbindet sich dieses Motiv mit einem gezackt abstürzenden Dreiklangsmotiv zu einem wilden Fortissimo-Ausbruch, der einen wesentlichen Teil der Durchführung bestimmt und sich in seiner Vehemenz so wenig in das Bild dieser Schaffensperiode fügt, dass eine Entstehung dieser Sinfonie noch am Ende der vorhergehenden möglich erscheint.

Nb 5.10: Sinfonie 65, T. 70-76
Sinfonie 65, T. 70-76

Dass, so wie hier, ein vorher kaum beachtetes, scheinbar nebensächliches Motiv überraschend große Bedeutung für die Gestaltung der Durchführung bekommt, ist durchaus nicht selten. Gelegentlich ist auch zu beobachten, dass in die Durchführung ein Motiv oder Thema eingeführt wird, das vorher noch keine Rolle spielte. So wird beispielsweise die sehr kurze Durchführung der Sinfonie 62 mit Ausnahme der letzten neun Takte vor der Reprise, in denen der Kopf des Hauptthemas aufgegriffen wird, durchweg von einem neuen, nach Art eines Kontrastthemas angelegten Gedanken bestimmt, der nur ein kurzes Doppelschlagmotiv mit dem Seitenthema gemeinsam hat.

Die Reprise ist nur selten eine weitgehend tongetreue Wiederholung der Exposition [18]; fast immer ist sie leicht, in etwa der Hälfte aller Sinfonien durch Eliminierung einzelner Abschnitte stark verkürzt [19]. Weit weniger häufig begegnen verlängerte Reprisen [20]. In Sinfonie 63 fehlt das Seitenthema in der stark verkürzten Reprise völlig, was sich daraus erklärt, dass es vorher im zweiten Teil der Durchführung sehr intensiv verarbeitet wurde. In der auch sonst stark veränderten Reprise von Sinfonie 75 erscheint dort, wo man das Seitenthema erwartet (T. 135), ein völlig neuer, zweimal wiederholter kantabler Gedanke, der zuerst von erster und zweiter, dann umgekehrt von zweiter und erster Violine und schließlich vom gesamten Orchester imitatorisch durchgeführt wird.

Interessant sind jene nicht seltenen Fälle, wo in der Reprise das Thema erneut in einen Verarbeitungsprozess hineingezogen wird. Auf die nochmalige imitatorische Verarbeitung des Themas in der Reprise der Sinfonie 73 wurde bereits hingewiesen (vgl. Nb 5.4), ebenso auf die Veränderung des Themas beim Repriseneintritt in Sinfonie 75 (vgl. Nb 5.3). In Sinfonie 54 wird in der Durchführung sehr intensiv mit dem Dreiklangsthema gearbeitet: dennoch oder vielleicht auch deswegen findet sich in der Reprise ein kurzer sechstaktiger Abschnitt, der in der Exposition keine Entsprechung hat und in dem das Thema erneut und in bisher nicht vorgekommener Art verarbeitet wird.

Nb 5.11: Sinfonie 54, 1. Satz, T. 178-184
Sinfonie 54, 1. Satz, T. 178-184

In Sinfonie 66 wird ein Doppelschlagmotiv, das den zweiten Teil des Themas bildete und mit dem auch die Durchführung eröffnet wurde, zu Beginn der Reprise unmittelbar an das Thema anschließend von den Violinen acht Takte hindurch spielerisch verarbeitet.

Als eine wichtige und wegweisende Neuerung in den Sinfonien der siebziger und frühen achtziger Jahre ist schließlich das gelegentliche Vorkommen einer langsamen Einleitung zu verzeichnen. Erstmals in der Sinfonie 50 aus dem Jahre 1773, dann gehäuft in denen der Jahre 1775/75 und 1780/81, begegnet eine solche in insgesamt sieben Sinfonien [21]. Diese Tendenz, die sich im künftigen Schaffen noch verstärken wird, erklärt sich einmal aus dem Bestreben, der Sinfonie insgesamt ein größeres Gewicht zu geben, die Aufmerksamkeit des Hörers zu wecken und eine erwartungsvolle Spannung zu schaffen, aus der heraus der Beginn des Hauptteils mit dem Eintritt des Themas für ihn zu einem Ereignis wird. Wahrscheinlich waren es aber überdies auch noch innere Gründe, die zur Einführung der langsamen Einleitung drängten. Die noch weitgehend typisierten Hauptthemen der frühen Sinfonien hatten zweierlei zu leisten: das Material für die Entwicklung des Satzes bereitzustellen und diesen zugleich mit einer wirkungsvollen Eröffnungsgeste einzuleiten. Je individueller das Thema aber gebildet war, desto weniger vermochte es die Aufgabe der aufmerksamkeitsheischenden Eröffnung noch zu erfüllen, sodass es geboten schien, diese auf einen eigenen Formteil, die langsame Einleitung zu übertragen.

Überblickt man die frühen langsamen Einleitungen in der Reihenfolge ihrer Entstehung, so zeigt sich sehr klar eine Entwicklung. Die ersten, aus den Jahren 1773 bis 1775 [22], verleugnen mit ihren kraftvoll-pompösen Unisoni – charakteristisch die Tempobezeichnung adagio maestoso in den Sinfonien 50 und 54 – und ihrer punktierten Rhythmik nicht die Herkunft aus der französischen Ouvertüre des Barock [23].

Nb 5.12: Sinfonie 50, 1. Satz, Einleitung
Sinfonie 50, 1. Satz, Einleitung

In den um 1780/81 entstandenen Sinfonien erscheint die Einleitung differenzierter und vielgestaltiger, häufig werden dynamische und melodische Kontraste auf engem Raum nebeneinander gestellt wie besonders eindrucksvoll in Sinfonie 71, deren langsame Einleitung mit einer Länge von nur sieben Takten die kürzeste überhaupt ist.

Nb 5.13: Sinfonie 71, 1. Satz, Einleitung
Sinfonie 71, 1. Satz, Einleitung

Ein motivischer bzw. thematischer Zusammenhang zwischen diesen langsamen Eröffnungssätzen und den durch sie eingeleiteten Hauptthemen ist nirgends erkennbar.

Unter allen Sinfonien dieses Zeitraums nehmen die Hauptsätze der 1783/4 als letzte vor den Pariser Auftragswerken komponierten Sinfonien 80 und 81 eine besondere Stellung ein: ihr formaler Aufbau verweigert sich jeder Norm, der experimentelle Charakter ist unverkennbar. Sie bedürfen deshalb einer eingehenderen Besprechung, die unten gegeben wird.


Anmerkungen

[16] In Sinfonie 65 wird der auf acht Takte erweiterte, sehr ausgebreitete zweite Teil des Kontrastthemas allerdings bei der Wiederholung und in der Reprise weggelassen.

[17] Nur die Sinfonien 73, 78 und 80 verzichten auf ein Seitenthema.

[18] Eine gegenüber der Exposition kaum veränderte Reprise haben nur die Sinfonien 50, 52, 60, 68, 74.

[19] Stark verkürzt ist die Reprise der Sinfonien 51, 53, 57, 61, 62, 63 (kürzeste Reprise überhaupt), 64, 65, 69, 70, 71,76, 77, 78.

[20] Eine wesentlich erweiterte Reprise haben die Sinfonien 54, 56, 77, 78, 81.

[21] In der Frühzeit haben nur die beiden „Tageszeiten“-Sinfonien 6 und 7 sowie die Sinfonie 25 kurze langsame Einleitungen.

[22] Sinfonien 50, 53, 54, 57, 60.

[23] Eine Ausnahme bildet die Sinfonie 57, die deutlich Merkmale der späteren langsamen Einleitungen vorwegnimmt.