Die Sinfonien der Jahre 1766-1772
► Einzelne Sinfonien ► Sinfonie Nr. 49, f-moll (“La Passione”)

Adagio – Allegro di molto – Menuet – Finale Presto

Diese im Jahre 1768 entstandene Sinfonie ist die letzte, deren Satzfolge sich an der Sonata da chiesa orientiert. Ob ihr Untertitel, der allerdings nur in einer einzigen peripheren Quelle überliefert ist, allgemein auf den sehr leidenschaftlichen Charakter des Werkes hinweist oder auf seine Verwendung anläßlich von Passionsandachten [41], ist nicht sicher zu entscheiden. Jedenfalls ist es eines der herausragendsten und für die Schaffensperiode charakteristischsten Werke Haydns.

Nb 4.37: Sinfonie 49, 1. Satz, T. 1-15
Sinfonie 49, 1. Satz, T. 1-15

Bereits der erste Satz ist ein ungewöhnlich tieflotendes Adagio, bis auf wenige Fülltöne der Oboen und Hörner ganz den Streichern vorbehalten, dem sich im bisherigen sinfonischen Schaffen Haydns nichts zu Seite stellen läßt. Lastende Schwere, düster-tragischer Ernst prägen den Charakter dieser Musik und teilen sich dem Hörer unvergeßlich mit. Wie sich die erste Violine zu Beginn mühsam emporwindet und schon im sechsten Takt ratlos in einer Fermate zum Stehen kommt, dies wirkt ebenso eindringlich und ergreifend wie die anschließend über zwei Oktaven müde herabtropfende pausendurchsetzte, zerbrochen wirkende Melodie mit ihren Seufzermotiven.

Wieder stockt der musikalische Fluß, wieder wie zuvor pendelt die melodische Bewegung in Sechzehnteln zwischen unterer und oberer Wechselnote unschlüssig hin und her, immerhin aber gelingt es jetzt, die Bewegung soweit zu aktivieren, dass ein melodischer Fluß, freilich weitgehend von formelhaften, wenig profilierten melodischen Wendungen in Sechzehnteln getragen, zustande kommt, der den weiteren Satzverlauf beherrscht. Immer wieder aber gibt es Störungen, scheint die Bewegung im Pianissimo zu versiegen (T.33) oder bricht plötzlich trugschlußartig im Fortissimo ein verminderter Septakkord (T.36) ein [42], der so irritierend wirkt, dass danach die Exposition mit in kleinste Floskeln zerfallender Melodik zuende geht.

Nb 4.38: Sinfonie 49, 1. Satz, T. 33-39
Sinfonie 49, 1. Satz, T. 33-39

Diese Vorgänge wiederholen sich nach dem Doppelstrich, wenn auch mit einigen charakteristischen Veränderungen. Merkwürdigerweise nämlich beginnt die kurze Durchführung nicht, wie man erwartet, mit dem nach der Parallel- oder Dominanttonart transponierten Anfangsgedanken, sondern mit dessen zweiten Teil (Nb 4.37, T. 7 ff.), und erst die Reprise greift dann auf den Anfang zurück, verzichtet nun aber auf die schon zuvor erklungene Fortsetzung. Sonst verläuft die Reprise weitgehend analog zur Exposition, nur wird der Synkopen-Einbruch im Fortissimo kurz vor Schluß auf einen einzigen Takt beschränkt, jedoch durch einen Oktavsprung aufwärts in seiner Intensität verstärkt.

Diesem beeindruckenden, von schmerzlicher Klage und Trauer erfüllten Einleitungssatz, stellt sich der sehr rasche zweite Satz - er trägt die bei Haydn in den 70er Jahren häufige Tempobezeichnung Allegro di molto - als starker Kontrast gegenüber. Erfüllt von äußerster Aktivität und ungestümer Bewegung, von jagender Unrast und Geschäftigkeit, verläuft er beinahe durchgängig in Achtelbewegung, und charakteristischerweise wird auch dem in großen Intervallen mächtig ausgreifenden Thema sogleich beim seinem ersten Auftreten eine Begleitung in Achteln beigegeben. Es ist bezeichnend für die enorme innere Dynamik dieses Themas, dass die Impulse, die von den weiten Intervallsprüngen ausgehen, unmittelbar anschließend von Synkopen aufgenommen und weitergetragen werden.

Nb 4.39: Sinfonie 49, 2. Satz, T. 1-16
Sinfonie 49, 2. Satz, T. 1-16

Der vor allem durch die niemals abbrechende Achtelbewegung suggerierte Eindruck großer Erregung prägt den Satz durchgängig: es gibt kaum Kontraste, und auch das stets als dreistimmiger Kanon in der Oktave auftretende Seitenthema wird durch die Achtelbegleitung in den allgemeinen Bewegungstrom hineingerissen. Formal bietet der Satz nichts Ungewöhnliches. Die Durchführung verläuft, abgesehen natürlich von der geänderten Tonartenfolge, weitgehend analog zur Exposition, bringt sogar unmittelbar vor ihrem Ende das Seitenthema, und auch die leicht verkürzte Reprise entspricht völlig der Regel.

Der dritte Satz, eines der wenigen in Moll stehenden Menuette im sinfonischen Schaffen Haydns überhaupt, erhält seinen besonderen Reiz durch die mehrfache echoartige Wiederholung der zweiten Zweitaktgruppe, wodurch der Vordersatz der metrischen Periode auf sechs Takte erweitert wird. Merkwürdig ist auch die Anfügung eines zwölftaktigen Schlußteils (T. 40 ff.) mit völlig neuer Motivik. Das Trio in der varianten Tonart F-Dur stellt die beiden Oboen und Hörner solistisch heraus.

Das mit Presto überschriebene Finale im Allebreve-Takt greift die energischen Bewegungimpulse des zweiten Satzes wieder auf: war es dort die nicht abreißende Achtelbewegung, so sind es hier die pulsierenden Viertel, die den sehr kurzen Satz durchgängig tragen. Das aus einem einzigen knappen, scharf rhythmisierten Motiv gebildete Thema prägt dem gesamten Finale seinen Charakter auf. Der formale Ablauf bietet keine Besonderheiten.

Nb 4.40: Sinfonie 49, 4. Satz, T. 1-12
Sinfonie 49, 4. Satz, T. 1-12

Trotz der großen Ausdrucksgegensätze, die in der starken Unterschiedlichkeit ihrer Sätze zum Ausdruck kommt, zeigt die Sinfonie in ihrer Gesamtheit eine deutlich spürbare innere Einheitlichkeit, die nicht nur durch die gleiche Tonart aller Sätze bewirkt wird, sondern wahrscheinlich auch durch den in Haydns Sinfonien noch nie beobachteten Umstand, dass dieselbe melodische Struktur, mit der das Werk beginnt (c-des-b-c bezw. as), am Anfang jedes der folgenden Sätze mehr oder weniger umkleidet und rhythmisch umgeformt wiederkehrt und so einen strukturellen Kern bildet, der die gesamte Sinfonie durchzieht. Die folgende Zusammenstellung versucht, diese Zusammenhänge aufzuzeigen:

1. Satz: c des b c
2. Satz: c des (e) b (g) as
3. Satz: c des b as
4. Satz: c (as b c) des b c

Anmerkungen

[41] vgl. hierzu Friedrich Wilhelm Riedel: Joseph Haydns Sinfonien als liturgische Musik, in: Festschrift H. Unverricht, S. 213-220.

[42] Charakteristisch ist auch die synkopierte Rhythmik dieser beiden Takte, die den Eindruck des Unerwarteten, plötzlich Einbrechenden verstärkt