Die Sinfonien der Jahre 1766-1772
► Die Menuette

Die Menuette gehören nach wie vor überwiegend dem für Haydn charakteristischen kraftvoll-volkstümlichen Typ dieses Tanzes an, doch ist insgesamt deutlich das Bemühen erkennbar, vom unverstellten Tanzcharakter wegzukommen und den Satz zum Charakterstück hin zu stilisieren. Dies zeigt sich vor allem in der häufig zu beobachtenden Tendenz, die vom Tanz her geforderte achttaktige Periodik durch Erweiterung oder Wiederholung, seltener durch Verkürzung einzelner Zweitaktglieder zu durchbrechen. Nur noch selten begegnet ein Menuett, das metrisch völlig regelgerecht gebaut ist; für die meisten sind zumindest kleinere Abweichungen vom regulären Grundriß charakteristisch [22]. In die gleiche Richtung - Abkehr vom traditionell festliegenden Duktus des Tanzes oder zumindst dessen Modifizierung– weist auch die in dieser Schaffensperiode immer häufiger sich abzeichende Gepflogenheit, durch den Tempozusatz Allegretto hinter der Satzüberschrift das eher gemächliche Tempo des Menuetts zu beschleunigen [23]. Hier deutet sich ein Weg an, der in den letzten Sinfonien Haydns bis an die Schwelle des Scherzos führen wird.

Daneben gibt es eine Anzahl Menuette, die durch kompositorische Besonderheiten vom Üblichen abweichen. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist das „Menuet alla zoppa“ („auf hinkende Art“) der Sinfonie 58, das sich durch die durchgängig festgehaltene, merkwürdig starr wirkende punktierte Rhythmik weit vom üblichen Charakter des Menuetts entfernt.

Nb 4.24: Sinfonie 58, 3. Satz, T. 1-8
Sinfonie 58, 3. Satz, T. 1-8

Auf Schwächung des Tanzcharakters zielen auch jene nicht seltenen Sätze, in denen kontrapunktische Techniken unterschiedlicher Art, insbesondere imitatorische oder kanonische Stimmführungen, eingesetzt werden. So nehmen im zweiten Teil des Menuetts der Sinfonie 26 die beiden Violinen überraschend einige Takte hindurch imitatorisch den von den Bässen vorgegebenen Anfangsgedanken des Satzes auf (T. 32ff.). Durchgängig als zweistimmiger Kanon zwischen Ober- und Unterstimmen im Abstand einer Oktave verläuft das Menuett der Sinfonie 44. Zu Beginn findet sich sogar der Versuch eines zusätzlichen dritten Einsatzes der Viola, der jedoch nicht durchgehalten wird, und auch die beiden Hörner deuten mit einem zweimaligen Quartsprung scheinbare Themeneinsätze an. Ein derart dichter, komplexer Satz wie dieser ist in einem Menuett bei Haydn und in der zeitgenössischen Sinfonik sehr selten [24].

Nb 4.25: Sinfonie 44, 3. Satz, T. 1-8
Sinfonie 44, 3. Satz, T. 1-8

Ein ganz besonderes kompositorisches Kunststück stellt das Menuett der Sinfonie 47 dar, bei dem sowohl im Menuett als auch im Trio der jeweils erste Teil notengetreu krebsgängig wiederholt und der zweite Teil auf diese Weise vom ersten abgeleitet wird. Jeder Teil ist im Manuskript nur einmal notiert; das retrograde Abspiel wird durch die Bemerkung „al Roverso“ gefordert [25].

Nb 4.26: Sinfonie 47, 3. Satz, T. 1-10
Sinfonie 47, 3. Satz, T. 1-10
Sinfonie 47, 3. Satz, T. 1-10

Charakteristisch ist an diesem Menuett auch die Dynamik, die auf engsten Raum ständig Forte und Piano gegeneinanderstellt. Auch im Trio dieses Satzes fallen die schroffen dynamischen Kontraste auf.

Die Trios der Menuette beschränken sich nur noch selten auf reine Streicherbesetzung [26] – meist beziehen sie, wenngleich oft nur über wenige Takte hinweg, auch die Bläser ein. Der in der Frühzeit nicht seltene solistische Einsatz eines Instruments findet sich nur noch einmal in Sinfonie 38, deren Trio durchgängig von der Solo-Oboe bestritten wird. In den Trios der fünf Moll-Sinfonien stehen die Trios ausnahmslos in der varianten oder parallelen Durtonart; vier der Dur-Sinfonien dunkeln das Trio nach dem gleichnamigen Moll ab [27].

In einigen der Trios finden sich gelegentlich Besonderheiten, die darauf hindeuten, dass Haydn auch diesen Formteil zu individualisieren und seiner Harmlosigkeit als lediglich kontrastierenden Mittelteil des Menuetts zu entkleiden sucht. So erscheint in dem vorwiegend von den Streichern im Piano bestrittenen Trio der Sinfonie 26 mehrmals überraschend mit penetranter Hartnäckigkeit ein Forte-Akkord des gesamten Orchesters, jeweils auf dem leichtesten dritten Taktteil. In Sinfonie 46 verläuft die ganz auf den engen Raum einer Quart beschränkte Melodie des Trios durchgängig in punktierten Halben und wird von den Bässen stereotyp mit abwärts gerichteten Viertelsprüngen auf dem zweiten und dritten Taktteil begleitet. Auch hier werden einzelne Takte im Forte hervorgehoben, ohne dass eine Notwendigkeit dazu aus dem musikalischen Verlauf heraus erkennbar wäre. Und geradezu unheimlich mutet das schattenhaft-düstere Moll-Trio des „Menuett alla zoppa“ der Sinfonie 58 an, dessen erster Teil ganz den Streichern vorbehalten ist, während sich im zweiten Teil die zwei Hörner mit lang gehaltenen Pedaltönen im Oktavabstand bedrohlich zu Wort melden.

Nb 4.27: Sinfonie 58, 3. Satz, T. 20-36
Sinfonie 58, 3. Satz, T. 20-36

Anmerkungen

[22] Weitgehend metrisch regelmäßig sind die Menuette in den Sinfonien 38, 41, 42 43, 49, sehr unregelmäßig in den Sinfonien 26, 39 59.

[23] Die Tempovorschrift Allegretto steht in den Sinfonien 35, 42, 44, 45, 46, 48; das Menuett der Sinfonie 38 ist sogar Allegro überschrieben.

[24] Schering, Programmsinfonien, S. 273, sieht, ausgehend von der sehr schwach gesicherten Bezeichnung der Sinfonie 44 als „Trauersinfonie“, in der Verwendung des Kanons einen symbolischen Hinweis „auf das Gesetz des Sterbenmüssens“ und im Trio die „tröstliche Antwort“ darauf.

[25] Ein gleichartiges „Menuet al rovescio“ findet sich auch in Haydns 1776 erschienener, dem Fürsten Estzerhazy gewidmeter Klaviersonate A-Dur (Hoboken XVI:26).

[26] Reine Streichbesetzung haben die Trios der Menuette in den Sinfonien 35,42, 58 und 59.

[27] Sinfonien 46, 48, 58, und 59.