Die Sinfonien der Jahre 1766-1772
► Die langsamen Mittelsätze

Die langsamen Sätze der Sinfonien dieses Schaffensabschnittes zeigen weit weniger Auffälligkeiten und Besonderheiten als die Kopfsätze. Sie bieten ein verhältnismäßig einheitliches Bild: ihre Melodik ist fast immer klar liedhaft gegliedert und nach wie vor verlaufen sie meist in ruhig schreitendem Zeitmaß (Andante) im 2/4-Takt. Fünfmal begegnet die Tempobezeichnung Adagio [18]. Dass diese Sätze mit einer Ausnahme zu den nach 1771 entstandenen Sinfonien gehören, kann als Indiz für eine allmählich zunehmende emotionale Vertiefung der langsamen Sätze angesehen werden.

Formal sind die Mittelsätze überwiegend als verkürzte Sonatensätze mit meist deutlicher Reprise und stets ohne Seitenthema angelegt. Eine Ausnahme bildet die Sinfonie 47 aus dem Jahre 1772: in ihr begegnet als zweiter Satz erstmals ein Thema mit vier Variationen und Coda.

Auf die Mitwirkung der Bläser wird weit seltener als zuvor verzichtet [19], doch ist deren Funktion fast immer auf die Verstärkung der Violinen (Oboe) und auf die harmonische Auffüllung des Satzes durch Haltetöne (Hörner) beschränkt. Nur einmal, in Sinfonie 41, wird im langsamen Satz die Flöte als Soloinstrument herausgestellt, und zwar in ziemlich exzessiver Weise mit virtuosen Figurationen. Außerordentlich häufig, nämlich in jedem zweiten Werk und ausnahmslos in sämtlichen Sinfonien nach 1771 [20], tragen die Violinstimmen die Vorschrift „con sordino“, die zuvor kaum begegnet, so dass es scheint, als habe Haydn diesen instrumentatorischen Effekt erst jetzt für sich entdeckt. In der Sinfonie 38 wird in sehr reizvoller Weise der Kontrast zwischen dem normalen und dem gedämpften Klang der Violine genutzt, indem den gesamten Satz hindurch die Phrasen der ersten, normal klingenden Violine von der sordinierten zweiten echoartig nachgeahmt werden.

Höchst eigenartig ist der Aufbau des zweiten Satzes der Sinfonie 59, der die ungewöhnliche Tempobezeichnung Andante o più tosto Allegretto trägt. Er setzt sich aus drei unterschiedlichen thematischen Gebilden zusammen, die unverbunden nebeneinandergestellt sind, wie es der Bauplan veranschaulicht.

Sinfonie 59, 2. Satz – Bauplan
1. Teil Takte
A schreitende Viertel 1-16
  Überleitung Sechzehntelfigur unisono a° → C+ 16-20
B vorwiegend fallende Melodik mit Achtelbegleitung C+ 21-35
A' extrem verkürzt auf Themenkopf C+ 36-40
C fließende Achtel C+ 40-73 :║:
2. Teil  
C Modulation nach E-Dur C+ → E+ 73-85
A'' leicht verändert über Orgelpunkt der Bässe a° → E+ 85-96
B verstärkt durch Bläser (Oboen, Hörner) A+ 97-112
A' extrem verkürzt auf Themenkopf, Hornsignal (ff) 97-112
C völlig analog zum Schlußabschnitt des 1. Teils A+ 116-149:║

Zentrale Bedeutung kommt offensichtlich dem merkwürdig starr wirkenden, in einem kargen zweistimmigen Satz eingeführten ersten Thema in a-Moll zu (vgl. Nb 4.22 A). Abgesehen von seinem ersten Auftreten zu Beginn erscheint es noch dreimal, allerdings zweimal auf den viertaktigen Themenkopf verkürzt und im Forte, ein drittes mal leicht verändert in einem zweistimmigen Satz über einem langen Orgelpunkt der Bratschen und Bässe. Die anderen Themen (Nb 4.22 B und C), beide in Dur, bilden in ihrer weichfließenden Kantabilität einen starken Gegensatz zum ersten, das sich in ihrer Umgebung bei seinem Wiedererscheinen seltsam fremd und „einmontiert“ ausnimmt.

Nb 4.22: Sinfonie 59, 2. Satz, T. 1-7, 21-28 und 40-47
A
Sinfonie 59, 2. Satz, T. 1-7
B
Sinfonie 59, 2. Satz, T. 1-7
C
Sinfonie 59, 2. Satz, T. 1-7

In beiden Teilen werden die Themen in der gleichen Reihenfolge, jedoch mit abweichenden Tonarten durchlaufen, wobei Thema C zu Beginn des zweiten Teils die Funktion einer Überleitung erhält.

Obwohl die beiden Teile in ihrem Ablauf weitgehend übereinstimmen, gibt es im zweiten doch eine kleine, aber höchst schockierende Veränderung. Beim letzten verkürzten Auftreten des ersten Themas nämlich fallen völlig überraschend die beiden Hörner in höchster Lautstärke mit einem kurzen Signalruf ein, ohne dass dieser vehemente Einbruch irgendwelche Folgen für den weiteren Verlauf des Satzes hätte.

Nb 4.23: Sinfonie 59, 2. Satz, T. 112-120
Sinfonie 59, 2. Satz, T. 112-120

Die Stelle ist so ungewöhnlich und rätselhaft, dass man unbedingt eine programmatische Absicht dahinter vermuten möchte, und es ist in diesem Zusammenhang daran zu erinnern, dass die Sinfonie möglicherweise als Ouvertüre, vielleicht auch teilweise als Bühnenmusik, für ein Schauspiel entstanden sein könnte und sie ihren Titel „Feuersinfonie“ wahrscheinlich von daher bekam. Sollte aber das Hornsignal aus einer szenischen Situation zu erklären sein, so ist es immerhin seltsam, dass Haydn diese Stelle bei der Umgestaltung zur Sinfonie unverändert übernahm.

Schließlich verdient auch der langsame Satz der Sinfonie 42 Erwähnung, weil sich in ihrem Autograph bei einer gestrichenen Stelle (nach T. 45) die als Beweis für Haydns Bemühen um Einfachheit und Eingängigkeit häufig zitierte Bemerkung befindet: „Dieses war vor gar zu gelehrte ohren.“ [21] Allerdings ist die Änderung, die er vornahm, geringfügig und für seine Intentionen wenig aussagekräftig: in einer Überleitung sollte die erste Violine allein chromatisch aufwärts über his zum Zielton cis, der Sexte des Grundtons e, geführt werden. Die Änderung verzichtet auf das his als Zwischenton und schreitet diatonisch von h zum cis.


Anmerkungen

[18] Sinfonien 26, 43, 44, 45 und 48.

[19] Sinfonien 35, 38, 39 und 58.

[20] Sinfonien 38, 41, 42, 43, 44, 45, 47, 48.

[21] Faksimile bei Làszlò Somfai, Joseph Haydn. Sein Leben in zeitgenössischen Bildern, Kassel 1966, Abb. 83.