Haydns frühes sinfonisches Schaffen am Hofe zu Eisenstadt (1761-1766)
► Einzelne Sinfonien ► Sinfonie 31, D-Dur, ("Hornsignal")

Allegro – Adagio –Menuet – Finale Moderato molto

Wegen der ungewöhnlichen Besetzung mit vier Hörnern könnte man versucht sein, dieses Werk der damals beliebten Gattung der Jagdsinfonien zuzuordnen. Jedoch handelt es sich bei dem Hornsignal, das im ersten Satz eine dominierende Rolle spielt, nicht um ein Jagdhorn-Signal, sondern eindeutig um die Imitation eines Posthorns, ausgeführt von einem sog. Zweifußhorn, das nur über zwei Töne im Oktavabstand verfügte [42]. Die Bezeichnung „Hornsignal“ ist denn auch keinesfalls authentisch: in einer handschriftlichen Quelle steht bei dem titelgebenden Hornruf die Bemerkung „alla Posta“.

Die Besonderheit des ersten Satzes dieser ungewöhnlichen Sinfonie liegt im fast völligen Fehlen eines individuell geprägten Themas. Zu Beginn, wo man ein solches erwartet, erklingt zunächst acht Takte hindurch ein signalartiger Ruf aus prägnant rhythmisierten Tonwiederholungen, von den vier Hörnern unisono forte vorgetragen, den die Violinen im Piano – die gleichzeitige Vorschrift zweier unterschiedlicher Stärkegrade ist in einer frühen Sinfonie Haydns absolut ungewöhnlich – mit einer Reihe fallender Dreiklangssegmente grundieren. Dann setzt ein Solohorn mit einem ebenfalls achttaktigen „Posthornruf“ ein, den man wegen seiner Beschränkung auf ein einziges Oktavintervall kaum als Thema im eigentlichen Sinne bezeichnen kann.

Nb 3.25: Sinfonie 31, 1. Satz, T. 1-16
Sinfonie 31, 1. Satz, T. 1-16

Auch im weiteren Verlauf der Exposition erscheint zunächst kein einprägsames thematisches Gebilde; durchgängig werden formelhafte Melodiebausteine - Dreiklangsfiguren und Sechzehntelläufe – aneinandergereiht. Relativ lange bewegt sich der Satz in der Grundtonart; wenn er schließlich doch noch nach der Dominante moduliert (T. 40) und der Hörer nun ein Seitenthema oder die Andeutung eines solchen erwartet, sieht er sich getäuscht. Anstelle des Vordersatzes eines lyrischen Themas bringen die Violinen zu aufschließenden Tonleitern einer Soloflöte lediglich zweimal piano ein einfaches Wechselnotenmotiv und erst danach erklingen, nun in kraftvollem Forte, vier Takte, die der Nachsatz eines Seitenthemas sein könnten. Wahrscheinlich darf man diese Einführung eines Seitenthemas, das gewissermaßen seinen Vordersatz verloren hat und nur noch aus einem Nachsatz besteht, als charakteristisches Zeugnis für Haydns Humor werten.

Nb 3.26: Sinfonie 31,1. Satz, T. 42-48
Sinfonie 31,1. Satz, T. 42-48

Am Schluss der Exposition, wenige Takte nach diesem misslungenen Versuch der Einführung eines Seitenthemas, erklingt plötzlich, einmal unverändert wiederholt und also über acht Takte sich erstreckend, als Schlussgruppe eine viertaktige absteigende Melodie in den Violinen, zu der jeweils zwei Hörner nochmals den Posthornruf des Anfangs blasen.

Der fanfarenartigen Ruf der vier Hörner, der zu Beginn des Satzes erklang, eröffnet auch die Durchführung. Danach bringt sie eine Umkehrung des Themas der Schlussgruppe und anschließend mehrmals jenes Wechselnotenmotiv, das in der Exposition den Vordersatz des Seitenthemas ersetzte. Im übrigen Verlauf dominieren auch in ihr gängige melodische Floskeln.

Die verkürzte Reprise verzichtet auf den fanfarenartigen Beginn mit den vier Hörnern und beginnt sofort mit dem Posthornruf. Sonst verläuft sie annähernd analog zur Exposition. Am Schluss des Satzes erscheint noch einmal die absteigende Melodie mit dem darüberliegenden Posthorn-Ruf, die in der Exposition die Schlussgruppe gebildet hatte, und danach unmittelbar anschließend die zu Beginn der Reprise „ausgesparte“ Fanfare der vier Hörner. Der Satz schließt also genauso wie er begann.

Auch im zweiten Satz, einem Adagio in wiegendem Sechsachteltakt, kommen die vier Hörner im dialogischen Wechsel mit einer konzertierenden Solovioline ausgiebig zu Wort, nicht in einem kompakten vierstimmigen Satz, sondern jeweils paarweise eingesetzt. Das Thema wird von der Solovioline reich ausgeziert; im zweistimmigen Hörnersatz, der gleichwohl von den Musikern beachtliches Können fordert, erscheint es zumeist in originaler Gestalt.

Das kraftvoll-energische Menuett, vom vollen Orchester einschließlich der Hörner ausgeführt, bietet keine auffälligen Besonderheiten. Im Trio werden sowohl die beiden Oboen als auch die vier Hörner, zumeist paarweise alternierend, eingesetzt.

Erstmals in Haydns sinfonischem Schaffen hat dieses Werk eine Variationsreihe als Finale. Man gewinnt den Eindruck, dass Haydn die Variationsform besonders geeignet schien, dem Fürsten die Qualität seiner Musiker nachhaltig zu demonstrieren. In jeder Variation nämlich wechselt die Besetzung, werden andere Instrumente solistisch herausgestellt, wie die folgende Übersicht zeigt:

Thema  
Variation 1 2 Oboen, 2 Hörner, Streicher
Variation 2 Solo-Violoncello, Streicher
Variation 3 Solo-Flöte, Streicher
Variation 4 4 Hörner, Streicher
Variation 5 Solo-Violine, Streicher
Variation 6 ganzes Orchester
Variation 7 Kontrabaß, Streicher
Coda (Presto) ganzes Orchester

Einige Variationen (Var. 1, 4, 6) halten sich eng an den melodischen Duktus des Themas, andere (Var. 2, 3, 5, 4) umspielen es mehr oder weniger virtuos. Doch bleibt sein Grundcharakter ebenso wie der metrische Grundriss von zweimal acht Takten in allen Variationen erhalten. Auf die sonst allgemein übliche Moll-Variation (Minore) wird verzichtet.


Anmerkungen

[42] Ein bekanntes frühes Beispiel für die Imitation eines Zweifußhorns ist die „Aria di Postiglione“ aus Johann Sebastian Bachs „Capriccio sopra la lontananza del suo fratello dilettisimo“, komponiert wahrscheinlich in Arnstadt 1704.