Haydns frühes sinfonisches Schaffen am Hofe zu Eisenstadt (1761-1766)
► Einzelne Sinfonien ► Sinfonie 30, C-Dur, ("Alleluja")

Allegro – Andante - Finale Tempo di Menuet, più tosto Allegretto

Diese wahrscheinlich im Frühjahr 1765 entstandene Sinfonie gehört zu den Werken, in denen Haydn ein Thema aus der gregorianischen Liturgie verarbeitete [40]. Wie der allerdings nur in zwei Quellen überlieferte Untertitel ausweist, handelt es sich um den Beginn einer Alleluja-Antiphon für den Karsamstag [41], der als Thema des ersten Satzes dient. Merkwürdigerweise erscheint die entlehnte Melodie zu Beginn jedoch nicht als Oberstimme in der ersten, sondern versteckt in der zweiten Violine, während die erste eine ausgezierte Fassung darüberlegt (Nb 3.24 a).

Nb 3.24: Sinfonie 30
a) 1. Satz, T. 1-8 (Thema)
Sinfonie 30, 1.Satz, T. 1-8 (Thema)
b) 1. Satz, T. 58-64 (Reprise)
Sinfonie 302, 1.Satz, T. 58-64 (Reprise)

Nach dieser verborgenen Aufstellung des Themas greift der Satz gängige melodische Floskeln auf, verharrt zunächst noch einige Takte in der Grundtonart und moduliert dann zur Dominante, in der sogleich das Seitenthema (T. 20) eingeführt wird, das sehr deutlich aus dem Alleluja-Thema abgeleitet ist, dessen Konturen genau nachzeichnet und lediglich durch einen Triller jeweils auf der zweiten Zählzeit seinen Charakter leicht verändert. Zu Beginn der kurzen Durchführung erscheint das Thema noch einmal wie in der Exposition in seiner verborgenen Gestalt; der weitere Verlauf beschränkt sich auf die Verarbeitung des Themenkopfes (Auftaktquart + drei aufsteigende Viertel) in den Bässen, während die beiden Violinen unisono bogenförmige Sechzehntelläufe darüber legen. Ganz ungewöhnlich ist der Eintritt der verkürzten Reprise. Jetzt nämlich wird die Verkleidung der Alleluja-Melodie aufgegeben: sie erscheint unverhüllt in einem kompakten Bläsersatz (Nb 3.24 b), nur ganz spärlich von den Streichern begleitet, und unmittelbar, ohne Überleitung, schließt sich daran das Seitenthema an. Mit wenigen abschließenden Takten geht der sehr konzis und konzentriert angelegte Satz zu Ende.

Der langsame Satz ist einer der für diese Zeit typischen Andante-Sätze, ruhig schreitend, mit einer klar gegliederten, liedhaften Melodie, fast durchgängig zweistimmig, da sowohl die beiden Violinen als auch die Viola und die Bässe unisono geführt sind. Klanglich aufgelockert wird er durch die Verwendung einer Soloflöte, die sich insbesondere im zweiten Teil kadenzartig in lockeren Zweiunddreißigstel-Figurationen ergeht. Auch die beiden Oboen melden sich gelegentlich mit eigenständigen Beiträgen zu Wort.

Der Schlusssatz ist Tempo di Minuet überschrieben: kein einfacher Tanzsatz also, aber doch an einem solchen orientiert. Es ist vor allem sein sehr erweiterter formaler Grundriss, durch den er sich von einem „normalen“ Menuett unterscheidet. Am treffendsten wäre er wohl zu beschreiben als ein Menuett mit zwei sehr unterschiedlichen Trios. Das einleitende Menuett ist der Regel entsprechend gebaut, aus einem achtigen ersten und einem ausgedehnteren, 24 Takte umfassenden zweiten Teil. Ihm folgt das erste Trio in der Subdominattonart F-Dur, das in durchgängiger fließender Achtelbewegung von den beiden unisono geführten Violinen bestritten wird, denen eine Flöte klangverstärkend in der höheren Oktave beigeben ist. Das anschließende zweite Trio, in der Paralleltonart a-Moll, stellt mit seinem energischen Charakter, der kontrastreichen Dynamik und dem sehr kompakten Satz einen schroffen Gegensatz zum ersten dar. Ihm folgt eine notengetreue Wiederholung des Menuetts mit einer abschließenden, 13 Takte umfassenden Coda.


Anmerkungen

[40] Eine liturgische Melodie benutzte Haydn auch in den Sinfonien 26 und 60, vgl. hierzu: Marianne Dankwardt, Zu zwei Haydnschen Sinfoniesätzen mit liturgischer Melodie, In: Festschrift Rudolph Bockhold zum 60. Geburtstag, Pfaffenhofen 1990, S. 193-199.