Haydns frühes sinfonisches Schaffen am Hofe zu Eisenstadt (1761-1766)
► Einzelne Sinfonien ► Sinfonie 22, Es-Dur, („Der Philosoph“)

Adagio – Presto –Menuetto – Finale Presto

Der Titel dieser Sinfonie, die zu den wenigen Werken gehört, deren Satzfolge sich an der Sonata-da-chiesa orientiert, ist nicht authentisch; er findet sich nur in einer einzigen Quelle und dürfte erst im frühen 19. Jahrhundert aufgekommen sein. Mit Sicherheit bezieht er sich auf den langsamen ersten Satz, ein Adagio von ernstem, feierlichem Ausdruck, absolut singulär in Haydns gesamten sinfonischen Schaffen durch die Verwendung von zwei Englisch Hörnern anstatt der sonst üblichen zwei Oboen, und durch seine sehr besondere kompositorische Faktur. Wie alle Sätze dieser Sinfonie mit Ausnahme des Menuetts hat er die übliche dreiteilige Sonatenform mit kurzer Durchführung und deutlicher Reprise. Das choralartige, vorwiegend in Halben schreitende Thema wird zu Beginn in äußerster Stärke - Fortissimo ist eine beim frühen Haydn sehr seltene dynamische Bezeichnung - abwechselnd von jeweils zwei Hörnern und zwei Englisch Hörnern unisono bzw. im Oktavabstand vorgetragen, über einer gleichmäßig in Achteln schreitenden, den gesamten Satz über zumindest in den Bässen beibehaltenen Begleitung des Streichorchesters, die durchgängig unisono im Staccato verläuft und deren Dynamik durch die Vorschrift „con sordino“ und piano ganz zurückgenommen ist, in schärfstem Gegensatz zu dem machtvoll herausgestellten Thema. Ob dieses tatsächlich einer liturgischen Melodie entnommen ist, wie gelegentlich vermutet wurde, lässt sich nicht nachweisen.

Nb 3.23: Sinfonie 22, 1.Satz, T. 1-10
Sinfonie 22, 1.Satz, T. 1-10

Über weite Strecken bleibt dieser sehr karge zweistimmige Satz herrschend, auch das wenig profilierte Seitenthema (T. 14), eine im Raum einer Oktave abfallende, einmal wiederholte Kette von seufzerartigen Sekundmotiven, wird von den unisono geführten Violinen über den unverändert gleichmäßig schreitenden Bässen eingeführt. In der Durchführung übernehmen zunächst die Violinen das zuvor den Bläsern vorbehaltene Thema in einen nun zur Dreistimmigkeit erweiterten Satz, in den die Bläser dreimal das unveränderte Kopfmotiv ihres Themas fast drohend hineinstellen. Der Verlauf der Reprise entspricht im wesentlichen der Exposition.

Die folgenden Sätze zeigen gegenüber dem absolut ungewöhnlichen ersten Satz keinerlei erwähnenswerte Besonderheiten. Das an zweiter Stelle stehende Presto stellt dem Ernst des ersten Satz ein Bild heiterer Geschäftigkeit entgegen: die rasche Bewegung reißt niemals ab, ein Seitenthema wird nicht eingeführt und der Satz ausschließlich mit dem vom Thema bereitgestellten motivischen Material bestritten. Das folgende freundlich-beschauliche Menuett, in einfachem Satz und verhältnismäßig tanznah, weicht in keiner Weise vom Üblichen ab. In seinem Trio werden die Bläser noch einmal führend eingesetzt. Auch das Finale in sehr raschem Sechsachteltakt weist ihnen stellenweise selbständige Aufgaben zu und gibt der Sinfonie einen turbulenten Abschluss.


Anmerkungen

[39] Weit realistischer gelang Haydn die Darstellung eines Gewitters rund 40 Jahre später in dem Oratorium „Die Jahreszeiten“.